Hormesis - warum ein bisschen Stress Anpassung auslösen kann

Training belastet Muskeln. Fasten verändert die Energie- und Nährstoffversorgung. Hitze fordert die Temperaturregulation, Kälte zwingt den Körper zur Wärmeproduktion und bei Hypoxie steht vorübergehend weniger Sauerstoff zur Verfügung. Auf den ersten Blick haben diese Reize wenig gemeinsam. Biologisch verbindet sie jedoch eine interessante Idee: Eine begrenzte Belastung kann Anpassungsprozesse auslösen, durch die Zellen oder der gesamte Organismus auf ähnliche Herausforderungen anschließend anders reagieren.
Für dieses Prinzip wird häufig der Begriff Hormesis verwendet. In der biologischen Forschung beschreibt er adaptive Reaktionen auf moderate, meist zeitlich begrenzte Belastungen. Entscheidend ist dabei bereits das Wort begrenzt. Hormesis bedeutet nicht, dass Stress grundsätzlich gesund ist. Derselbe Reiz, auf den ein biologisches System bei geeigneter Stärke mit Anpassung reagieren kann, kann bei höherer Dosis, längerer Dauer oder fehlender Erholung schädlich werden.[1]
Genau darin liegt der Reiz des Hormesis-Prinzips für die Longevity-Forschung. Sport, Fasten, Hitze, Kälte oder Hypoxie sind keine Varianten derselben Therapie. Sie setzen unterschiedliche Belastungen. Trotzdem können sich Teile ihrer zellulären Antwort überschneiden: Stresssignale werden registriert, Schutz- und Reparaturprogramme verändern ihre Aktivität, der Energiestoffwechsel wird angepasst und beschädigte Zellbestandteile können verstärkt kontrolliert oder abgebaut werden.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht: Wie viel Stress ist gesund? Sinnvoller ist die Frage, wann aus einer Belastung ein Anpassungsreiz wird – und wo der Punkt liegt, an dem der Reiz die Anpassungsfähigkeit übersteigt.








