Sympathikus

Der Sympathikus ist ein Teil des vegetativen beziehungsweise autonomen Nervensystems. Er passt Herz, Kreislauf, Atemwege, Stoffwechsel, Schweißbildung und weitere Organfunktionen an Bewegung, aufrechte Körperhaltung, Temperatur und akute Anforderungen an.

Bekannt ist er vor allem als System hinter „Fight or Flight“. Das vermittelt eine erste Vorstellung, ist aber biologisch zu eng. Der Sympathikus wird nicht erst bei Angst oder Gefahr eingeschaltet. Er arbeitet auch im normalen Alltag und hält beispielsweise beim Aufstehen den Blutdruck aufrecht oder unterstützt die Wärmeregulation.

Seine Aktivität steigt außerdem nicht überall gleichzeitig. Je nach Situation können einzelne Nervenbahnen und Organe unterschiedlich stark beeinflusst werden. Der Sympathikus ist somit kein globaler Alarmknopf, sondern ein fein gegliedertes Regulationsnetz.

Was ist der Sympathikus?

Der Sympathikus gehört gemeinsam mit dem Parasympathikus und dem enterischen Nervensystem zum vegetativen Nervensystem. Dieses steuert vor allem innere Organe, glatte Muskulatur, Herzmuskel und Drüsen. Der größte Teil dieser Regulation verläuft ohne bewusste Entscheidung.

Der Sympathikus schafft Bedingungen, unter denen der Körper aufmerksam, kreislaufstabil und handlungsbereit bleibt. Die willkürliche Bewegung der Skelettmuskulatur steuert er jedoch nicht direkt. Dafür ist das somatische Nervensystem zuständig.

Wo verlaufen die Nervenbahnen des Sympathikus?

Die ersten Nervenzellen der sympathischen Bahnen liegen vor allem im Brustmark und im oberen Lendenmark. Ihre Fortsätze verlassen das Rückenmark und werden in Nervenknoten, den sogenannten Ganglien, auf weitere Nervenzellen umgeschaltet.

Viele dieser Ganglien bilden beidseits der Wirbelsäule den sympathischen Grenzstrang. Andere liegen näher an den Organen im Bauchraum. Von dort ziehen die nachgeschalteten Nervenfasern unter anderem zu Herz, Blutgefäßen, Schweißdrüsen, Verdauungsorganen, Nieren, Blase und Geschlechtsorganen.

Welche Aufgaben hat der Sympathikus?

Welche Wirkung entsteht, hängt vom Zielorgan, den angesprochenen Rezeptoren und der jeweiligen Situation ab. Die alte Kurzformel „Herz schneller, Verdauung langsamer“ erfasst deshalb nur einen Teil seiner Aufgaben.

Organ oder BereichTypische sympathische Wirkung
AugenErweiterung der Pupillen
HerzBeschleunigung des Herzschlags, stärkere Kontraktion und schnellere Erregungsleitung
BlutgefäßeOrganabhängige Verengung oder Erweiterung; wichtiger Beitrag zu Blutdruck und Blutverteilung
AtemwegeAdrenergische Signale begünstigen eine Erweiterung der Bronchien
HautAnregung der Schweißbildung, Aufrichten der Haare und Regulation der Hautdurchblutung
Leber und FettgewebeMobilisierung gespeicherter Energieträger
Magen und DarmMeist verringerte Bewegungs- und Sekretionsaktivität sowie veränderter Schließmuskeltonus
NierenEinfluss auf Nierendurchblutung und Freisetzung von Renin
BlaseUnterstützung der Urinspeicherung durch Entspannung des Blasenmuskels und Stabilisierung des Auslasses
GeschlechtsorganeBeteiligung an Orgasmus und Ejakulation

Die Wirkung auf die Blutgefäße zeigt besonders gut, warum Pauschalaussagen nicht funktionieren. In Haut, Nieren und vielen Bereichen des Bauchraums führen sympathische Signale meist zu einer Gefäßverengung. In anderen Gefäßgebieten wirken weitere Rezeptoren, zirkulierendes Adrenalin und lokale Stoffwechselsignale mit. „Der Sympathikus erweitert die Gefäße“ ist daher ebenso falsch wie die pauschale Behauptung, er verenge jedes Gefäß.

Acetylcholin, Noradrenalin und Adrenalin

Sympathische Signale werden nicht durch einen einzigen Botenstoff übertragen. Die erste Nervenzelle setzt im sympathischen Ganglion Acetylcholin frei. Die nachgeschaltete Nervenzelle verwendet am Zielorgan meist Noradrenalin, das an adrenerge Alpha- oder Beta-Rezeptoren bindet.

Eine wichtige Ausnahme bilden die Schweißdrüsen: Sie gehören zur sympathischen Regulation, werden nach der Umschaltung aber ebenfalls über Acetylcholin angesteuert. Die Gleichung „Sympathikus gleich Noradrenalin“ besitzt somit eine gut sichtbare Ausnahme.

Auch das Nebennierenmark ist eng an den Sympathikus gekoppelt. Es erhält ein sympathisches Signal über Acetylcholin und gibt daraufhin vor allem Adrenalin sowie Noradrenalin in den Blutkreislauf ab. Diese Katecholamine erreichen über das Blut zahlreiche Gewebe und können die neuronalen Signale verstärken oder ergänzen.

Sind Sympathikus, Adrenalin und Cortisol dasselbe?

Nein. Die Begriffe beschreiben miteinander verbundene, aber unterschiedliche Teile der Stressregulation:

  • Der Sympathikus ist ein Netzwerk aus Nervenbahnen.
  • Adrenalin und Noradrenalin sind Katecholamine, die als Botenstoffe beziehungsweise Hormone wirken.
  • Cortisol ist ein Steroidhormon aus der Nebennierenrinde und wird über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-Achse, reguliert.

Bei einer akuten Belastung können diese Systeme koordiniert reagieren, sie sind jedoch nicht deckungsgleich. Sympathische Aktivität kommt außerdem ohne psychischen Stress vor, etwa beim Aufstehen, bei körperlicher Bewegung oder in der Temperaturregulation. Umgekehrt lässt sich aus einem einzelnen Cortisolwert nicht ablesen, wie aktiv der Sympathikus in verschiedenen Organen ist.

Sympathikus und Parasympathikus: mehr als Gegenspieler

Der Parasympathikus wird stärker mit Verdauung, Ausscheidung, Energiespeicherung und Erholung verbunden. Der Sympathikus passt den Organismus eher an Bewegung, Aufmerksamkeit und wechselnde Anforderungen an.

Beide Systeme funktionieren jedoch nicht wie zwei Seiten eines Lichtschalters. Sie sind fortlaufend aktiv und können je nach Organ unterschiedlich gewichtet werden. Manche Zielstrukturen werden vorwiegend sympathisch reguliert, darunter viele Blutgefäße, Schweißdrüsen und Haarbalgmuskeln. Bei anderen Organen wirken sympathische und parasympathische Einflüsse zusammen oder in unterschiedliche Richtungen.

Eine gesunde autonome Regulation besteht nicht darin, den Sympathikus möglichst weit zu unterdrücken. Entscheidend ist, dass Kreislauf, Stoffwechsel, Verdauung und weitere Funktionen passend zur jeweiligen Situation angepasst werden können.

Warum der Wechsel von Anspannung zu Ruhe manchmal schwerfällt, erklärt der Ratgeber Sympathikus und Parasympathikus: Warum Du nicht abschalten kannst.

Kann der Sympathikus dauerhaft aktiv sein?

Der Sympathikus ist immer in einem gewissen Maß aktiv. Ohne seine Grundaktivität könnte der Körper den Gefäßtonus, den Blutdruck und weitere Funktionen nicht stabil halten. Gemeint ist mit einem „daueraktiven Sympathikus“ meist, dass bestimmte sympathische Einflüsse in Ruhe oder im Verhältnis zur Situation erhöht erscheinen.

Solche Veränderungen können einzelne Organsysteme unterschiedlich betreffen. Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, innere Unruhe, Schlafprobleme oder erhöhter Blutdruck sind möglich, aber nicht spezifisch. Sie können ebenso durch Schmerzen, Fieber, Schilddrüsenerkrankungen, Blutarmut, Unterzuckerung, Medikamente, Stimulanzien, hormonelle Veränderungen oder psychische Belastungen entstehen.

Was bedeutet Sympathikotonie?

Der Begriff Sympathikotonie beschreibt eine vermutete oder beobachtete Dominanz sympathischer Einflüsse. Er benennt jedoch weder automatisch eine eigenständige Erkrankung noch deren Ursache. Ohne Kontext bleibt außerdem offen, welches Organ, welcher Reflex oder welcher Messwert gemeint ist.

Wie lässt sich der Sympathikus beruhigen?

Der Sympathikus besitzt keinen willentlich bedienbaren Ausschalter. Sein Einfluss kann sich verändern, wenn die auslösende Anforderung endet und der Organismus ausreichende Signale für Sicherheit, Versorgung und Erholung erhält.

Dazu können je nach Ausgangslage beitragen:

  • ein erkennbarer Abschluss belastender Aufgaben
  • ausreichender und regelmäßiger Schlaf
  • angepasste Bewegung mit anschließender Erholung
  • ruhige Atmung ohne Pressen, Luftanhalten oder erzwungene Tiefe
  • weniger stimulierende Reize am Abend
  • eine schmerzarme Körperposition
  • die Behandlung körperlicher Auslöser und Grunderkrankungen

Eine Entspannungsübung kann Schmerzen, Atemprobleme, Kreislaufstörungen, Infektionen oder Medikamentenwirkungen nicht aufheben. Bleiben Beschwerden bestehen, ist die Suche nach der Ursache sinnvoller als der Versuch, den Sympathikus pauschal „herunterzufahren“.

Praktische Wege zu mehr Ruhe behandelt die Fundamentseite Ruhe und Regeneration im Alltag.

Wie lässt sich sympathische Aktivität messen?

Es gibt keinen einzelnen Messwert für den gesamten Sympathikus. Ein erhöhter Ruhepuls, hoher Blutdruck, starkes Schwitzen oder weite Pupillen können Hinweise liefern, werden aber von vielen weiteren Faktoren beeinflusst.

Auch die Herzratenvariabilität, kurz HRV, ist kein direkter Ganzkörper-Messer für sympathische Aktivität. Sie beschreibt die Schwankungen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und wird besonders bei kurzfristigen Messungen stark durch die vagale Regulation des Herzens geprägt. Das häufig ausgegebene Verhältnis von niedrigen zu hohen Frequenzanteilen, LF/HF, lässt sich nicht verlässlich als einfache „Sympathikus-zu-Parasympathikus-Balance“ lesen.

Je nach medizinischer Fragestellung kommen unter anderem folgende Untersuchungen infrage:

  • Messung von Herzfrequenz und Blutdruck im Liegen und Stehen
  • EKG, kontrollierte Atmung und Valsalva-Manöver
  • Kipptischuntersuchung
  • Tests der Schweißfunktion
  • Bestimmung von Katecholaminen unter festgelegten Bedingungen
  • organbezogene Untersuchungen bei Pupillen-, Blasen- oder Verdauungsstörungen

In der Forschung kann die elektrische Aktivität bestimmter sympathischer Nervenfasern mittels Mikroneurographie direkt aufgezeichnet werden. Auch diese Messung erfasst jedoch nur den untersuchten Nerv beziehungsweise ein bestimmtes Versorgungsgebiet und nicht den gesamten Sympathikus.

Kann der Sympathikus gestört sein?

Störungen des Sympathikus gehören zum Spektrum autonomer Funktionsstörungen. Dabei kann sympathische Aktivität je nach Ursache und Organ vermindert, erhöht oder unpassend reguliert sein. Eine Person kann gleichzeitig in einem Bereich zu wenig und in einem anderen Bereich verstärkte autonome Reaktionen zeigen.

Mögliche Hinweise sind beispielsweise:

  • Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen
  • auffällige Blutdruck- oder Herzfrequenzreaktionen
  • ungewöhnlich starkes, vermindertes oder einseitiges Schwitzen
  • Störungen der Temperaturregulation
  • auffällige Pupillenreaktionen
  • Störungen von Blase, Darm oder Sexualfunktion

Diese Beschwerden erlauben für sich genommen keine Diagnose. Autonome Nerven können unter anderem bei Diabetes, neurologischen Erkrankungen, Autoimmunprozessen, Infektionen, Verletzungen oder durch bestimmte Medikamente beeinträchtigt werden. Auch Flüssigkeitsmangel und zahlreiche nicht neurologische Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen.

Neu auftretende, zunehmende oder den Alltag deutlich einschränkende Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden. Das gilt besonders bei Ohnmacht, Brustschmerzen, Atemnot, ausgeprägten Herzrhythmusstörungen, sehr hohen oder stark abfallenden Blutdruckwerten und neurologischen Ausfällen.

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FAQ – Häufige Fragen zum Sympathikus

Was ist der Sympathikus einfach erklärt?

Der Sympathikus ist ein Teil des vegetativen Nervensystems. Er passt unter anderem Herz, Blutgefäße, Atemwege, Stoffwechsel, Schweißbildung und Blase an Bewegung, aufrechte Körperhaltung, Temperatur und akute Anforderungen an.

Was passiert, wenn der Sympathikus aktiv wird?

Je nach Situation können Herzfrequenz und Kontraktionskraft steigen, Pupillen und Bronchien weiter werden, Energiereserven mobilisiert und Verdauungsbewegungen gebremst werden. Die Reaktion verläuft organabhängig und betrifft nicht immer alle Funktionen gleichzeitig.

Was ist der Unterschied zwischen Sympathikus und Parasympathikus?

Der Sympathikus passt den Organismus stärker an Bewegung, Aufmerksamkeit und wechselnde Anforderungen an. Der Parasympathikus begleitet eher Verdauung, Ausscheidung und Erholung. Beide sind fortlaufend aktiv und keine einfachen Ein-Aus-Schalter.

Erweitert oder verengt der Sympathikus die Blutgefäße?

Beides ist möglich. In vielen Gefäßen von Haut, Nieren und Bauchorganen überwiegt die Verengung. In anderen Geweben hängt die Wirkung von Rezeptoren, zirkulierendem Adrenalin und lokalen Stoffwechselsignalen ab. Eine pauschale Wirkung auf alle Gefäße gibt es nicht.

Sind Sympathikus, Adrenalin und Cortisol dasselbe?

Nein. Der Sympathikus besteht aus Nervenbahnen. Sympathische Nervenendigungen verwenden meist Noradrenalin. Das Nebennierenmark gibt vor allem Adrenalin und zusätzlich Noradrenalin ins Blut ab. Cortisol ist ein Steroidhormon aus der Nebennierenrinde und wird über die HPA-Achse reguliert.

Kann der Sympathikus dauerhaft aktiv sein?

Der Sympathikus besitzt immer eine Grundaktivität. Bestimmte sympathische Einflüsse können in Ruhe oder im Verhältnis zur Situation erhöht sein. Beschwerden wie Herzklopfen, Schwitzen oder innere Unruhe beweisen dies jedoch nicht und können zahlreiche andere Ursachen haben.

Zeigt die HRV die Aktivität des Sympathikus an?

Nein, nicht direkt. Die HRV beschreibt die zeitlichen Schwankungen zwischen Herzschlägen und bildet nur die autonome Regulation des Herzens unter den jeweiligen Messbedingungen ab. Auch das Verhältnis LF/HF ist kein verlässlicher Ganzkörper-Messwert für die Balance von Sympathikus und Parasympathikus.

Wie kann man den Sympathikus beruhigen?

Der Sympathikus lässt sich nicht wie ein Schalter ausschalten. Schlaf, angepasste Bewegung mit Erholung, eine ruhige Atmung, weniger stimulierende Reize und der Abschluss belastender Aufgaben können die autonome Regulation unterstützen. Körperliche Auslöser und Erkrankungen benötigen eine ursachenbezogene Abklärung.

Quellen und weiterführende Fachliteratur

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