Sirtuine und NAD⁺: Was sie mit dem Altern zu tun haben

Sirtuine und NAD+ als Verbindung zwischen Zellstoffwechsel, Stressantwort und Alterung

Sirtuine gehören zu den bekanntesten Molekülen der Longevity-Forschung. Sie werden als Stoffwechselsensoren, als Vermittler der Kalorienrestriktion und gelegentlich sogar als „Langlebigkeitsenzyme“ bezeichnet. Eng damit verbunden ist NAD+, denn ohne dieses Molekül können Sirtuine ihre enzymatische Reaktion nicht ausführen.

Aus dieser Verbindung ist eine eingängige Geschichte entstanden: Im Alter sinkt NAD+, Sirtuine verlieren an Aktivität und Zellreparatur sowie Stoffwechsel geraten aus dem Takt. Wer NAD+ wieder erhöht oder Sirtuine aktiviert, müsste demnach einen Teil des Alterungsprozesses zurückdrehen können.

Die Biologie dahinter ist tatsächlich spannend. Die Schlussfolgerung ist jedoch wesentlich größer als das, was bisher beim Menschen belegt wurde. Sirtuine sind keine einzelnen Schalter für Jugend oder Langlebigkeit. Beim Menschen gibt es sieben Mitglieder dieser Enzymfamilie – SIRT1 bis SIRT7 – mit unterschiedlichen Aufenthaltsorten, Zielproteinen und Aufgaben.[1]

Dieser Ratgeber folgt deshalb der biologischen Kette Schritt für Schritt: Was machen Sirtuine überhaupt? Warum benötigen sie NAD+? Was verändert sich mit dem Alter? Und wie weit tragen die Daten zu Fasten, Bewegung, Resveratrol, NR und NMN tatsächlich?

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Was sind Sirtuine?

Sirtuine sind Enzyme, die chemische Modifikationen an anderen Proteinen verändern. Besonders bekannt ist ihre Fähigkeit, Acetylgruppen von bestimmten Lysinresten zu entfernen. Präziser spricht man heute von NAD+-abhängigen Protein-Deacylasen, weil verschiedene Sirtuine neben der Deacetylierung auch andere Acylgruppen entfernen oder weitere enzymatische Reaktionen ausführen können.[1]

Diese Veränderungen sind für eine Zelle keineswegs kosmetisch. Acetylierung und andere Proteinmodifikationen können beeinflussen, wie aktiv ein Protein ist, mit welchen Partnern es interagiert, wo es sich in der Zelle befindet oder wie Gene abgelesen werden.

Sirtuine wirken deshalb in sehr unterschiedlichen Bereichen mit: Stoffwechsel, Stressantworten, DNA-Stabilität, Chromatinregulation, mitochondriale Funktionen und Entzündung gehören zu den häufig untersuchten Zusammenhängen.[1]

Das Wort „Sirtuin“ geht auf das Hefeprotein Sir2 zurück. Beobachtungen an Hefe und später an weiteren Modellorganismen brachten diese Enzymfamilie früh mit Lebensspanne und Kalorienrestriktion in Verbindung. Daraus entstand ein großer Teil des heutigen Longevity-Interesses.

Was bedeutet NAD+-abhängig?

Sirtuine benötigen für ihre Reaktion NAD+, also Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid. NAD+ ist bereits aus dem Energiestoffwechsel bekannt: Als oxidierte Form des Redoxpaares NAD+/NADH kann es Elektronen aufnehmen.

Bei Sirtuinen erfüllt NAD+ jedoch eine andere Aufgabe. Hier dient es als Co-Substrat einer enzymatischen Reaktion und wird dabei chemisch umgesetzt. Sirtuine reagieren dabei auf NAD+ selbst – nicht einfach auf NADH oder auf ein pauschales NAD+/NADH-Verhältnis.[2]

Wer die Redoxfunktion von NAD+ und NADH genauer nachvollziehen möchte, findet den biochemischen Unterbau im Ratgeber NAD+ und NADH – wie Zellen Energie und Redoxgleichgewicht steuern.

Für diesen Artikel reicht zunächst eine Unterscheidung:

Rolle von NAD+Was passiert?Beispiel
RedoxcoenzymNAD+ nimmt Elektronen auf und wird zu NADH reduziert.Glykolyse, Citratzyklus und weitere Stoffwechselwege
Co-SubstratNAD+ wird bei einer enzymatischen Reaktion chemisch verbraucht.Sirtuine, PARPs, CD38

Diese zweite Rolle ist für die Verbindung zwischen NAD+ und Altern besonders interessant. Sie macht aus NAD+ mehr als einen Elektronenträger.

Bis hierhin reicht für das Grundverständnis

Sirtuine sind NAD+-abhängige Enzyme. Sie verändern andere Proteine und können dadurch Stoffwechsel, Genregulation und Stressantworten beeinflussen. NAD+ liefert ihnen dabei nicht einfach Energie, sondern wird als Bestandteil der enzymatischen Reaktion benötigt.

SIRT1 bis SIRT7 – sieben Enzyme mit unterschiedlichen Aufgaben

Beim Menschen gibt es sieben Sirtuine. Sie besitzen einen verwandten katalytischen Kern, sitzen aber teilweise in unterschiedlichen Zellkompartimenten und bearbeiten unterschiedliche Zielproteine.[1]

SirtuinTypischer SchwerpunktHäufig untersuchte Zusammenhänge
SIRT1Zellkern und ZytoplasmaTranskription, Stoffwechsel, Stressantwort, zirkadiane Regulation
SIRT2vorwiegend ZytoplasmaZellzyklus, Zytoskelett, Stoffwechsel
SIRT3MitochondrienEnergiestoffwechsel, Redoxregulation, mitochondriale Proteine
SIRT4MitochondrienAminosäure-, Fett- und Energiestoffwechsel
SIRT5MitochondrienDesuccinylierung und weitere Deacylierungsreaktionen
SIRT6vorwiegend ZellkernChromatin, DNA-Reparatur, Genomstabilität, Stoffwechsel
SIRT7Zellkern, besonders NukleolusRibosomenbiogenese, Genregulation, Zellstress

Schon diese Verteilung zeigt ein Problem der populären Formulierung „Sirtuine aktivieren“: Sie behandelt sieben unterschiedliche Enzyme wie ein gemeinsames Stellrad. Eine Veränderung von SIRT1 in Muskelzellen ist biologisch etwas anderes als eine Veränderung von SIRT3 in Mitochondrien oder SIRT6 im Zellkern.

Warum NAD+ für Sirtuine wichtig ist

NAD+ als gemeinsames Substrat für Sirtuine, PARPs und CD38 im Zellstoffwechsel

Die Verbindung zwischen NAD+ und Sirtuinen wirkt zunächst fast linear: mehr verfügbares NAD+ könnte mehr Sirtuin-Aktivität ermöglichen. In einer lebenden Zelle hängt die Situation jedoch von erheblich mehr Faktoren ab.

NAD+ befindet sich nicht in einem einzigen gemeinsamen Behälter. Zellkern, Zytosol und Mitochondrien besitzen räumlich organisierte NAD-Pools. Synthese, Recycling, Transport und Verbrauch beeinflussen, wie viel NAD+ an einer bestimmten Stelle tatsächlich verfügbar ist.[3]

Auch das jeweilige Sirtuin selbst muss vorhanden und regulierbar sein. Dazu kommen Zielproteine, konkurrierende Enzyme und der metabolische Zustand des Gewebes.

Sirtuine verbrauchen NAD+

Bei einer typischen Deacylierungsreaktion bindet ein Sirtuin NAD+ und ein acyliertes Zielprotein. Die chemische Reaktion entfernt die entsprechende Gruppe vom Protein. Dabei entstehen unter anderem Nicotinamid und ein ADP-Ribose-Derivat.[1][3]

NAD+ wird an dieser Stelle also tatsächlich umgesetzt. Anschließend kann Nicotinamid über den sogenannten Salvage Pathway wieder in Richtung NAD+ recycelt werden.

Ein wichtiges Enzym dieses Recyclingwegs ist NAMPT, die Nicotinamid-Phosphoribosyltransferase. Über NAMPT entsteht aus Nicotinamid zunächst NMN; daraus kann anschließend erneut NAD+ gebildet werden.[3]

Damit entsteht ein Kreislauf:

NAD+ wird von Enzymen genutzt → Nicotinamid entsteht → Salvage Pathway recycelt Nicotinamid → NAD+ wird erneut verfügbar.

Die Größe eines NAD+-Pools hängt folglich sowohl von seiner Bildung als auch von seinem Verbrauch ab.

PARPs und CD38 greifen auf denselben Stoffwechselpool zu

Sirtuine sind nicht die einzigen Enzyme, die NAD+ als Substrat verwenden. Zu den wichtigen NAD+-Verbrauchern gehören auch PARPs und CD38.[3]

PARPs – Poly(ADP-Ribose)-Polymerasen – sind unter anderem an der Reaktion auf DNA-Schäden beteiligt. Dabei übertragen sie ADP-Ribose-Einheiten auf Zielproteine und verbrauchen NAD+.

CD38 besitzt unter anderem NADase-Aktivität und kann NAD+ beziehungsweise verwandte Metabolite abbauen. Das Enzym kommt besonders in verschiedenen Immunzellpopulationen vor und wird für die Alterungsforschung interessant, weil seine Aktivität mit Entzündungsprozessen und altersabhängigen Veränderungen des NAD-Stoffwechsels verbunden wurde.[3]

Damit entsteht kein simples Rennen, bei dem jedes NAD+-Molekül entweder „für Reparatur“ oder „für Sirtuine“ verbraucht wird. Die Pools sind räumlich und zeitlich reguliert. Der gemeinsame NAD+-Bedarf zeigt jedoch, warum Veränderungen von DNA-Schäden, Entzündung und Stoffwechsel miteinander gekoppelt sein können.

NAD+ verbindet mehrere Ebenen

Ein NAD+-Pool dient gleichzeitig Redoxreaktionen und NAD+-verbrauchenden Enzymen. Veränderungen dieses Systems können deshalb Stoffwechsel, DNA-Schadensantwort, Immunregulation und Sirtuin-Aktivität gleichzeitig berühren. Aus dieser Vernetzung stammt ein großer Teil des Longevity-Interesses an NAD+.

Welche Rolle spielen Sirtuine beim Altern?

Die Bezeichnung „Langlebigkeitsenzyme“ entstand nicht aus dem Nichts. Sirtuine beeinflussen in Modellorganismen zahlreiche Prozesse, die mit Alterung zusammenhängen. Bei verschiedenen Arten wurden Veränderungen einzelner Sirtuine zudem mit Lebensspanne oder altersabhängiger Funktion verbunden.

Der entscheidende Sprung liegt zwischen diesen Befunden und dem Menschen. Ein Enzym kann an Alterungsbiologie beteiligt sein, ohne dass seine Aktivierung beim Menschen automatisch das Altern verlangsamt.

Das wird besonders deutlich, wenn man drei häufig diskutierte Vertreter getrennt betrachtet.

SIRT1: Stoffwechsel und Stressantwort

SIRT1 ist das wohl bekannteste Sirtuin. Es befindet sich vor allem im Zellkern und Zytoplasma und kann zahlreiche Regulationsproteine verändern. Dazu gehören unter anderem Faktoren aus Stoffwechsel-, Stress- und Transkriptionsnetzwerken.[1]

Darum taucht SIRT1 in sehr unterschiedlichen Themen auf: Fasten, Bewegung, Glukose- und Fettstoffwechsel, Entzündungsregulation, Mitochondrienbiogenese und die zirkadiane Uhr.

Das macht SIRT1 biologisch interessant, erschwert aber zugleich die Interpretation. Ein Protein mit zahlreichen Substraten besitzt keine einzige feste „Wirkung“. Welche Folge eine veränderte SIRT1-Aktivität hat, hängt vom Zelltyp, vom Zielprotein und von der jeweiligen Stoffwechselsituation ab.

SIRT3: die mitochondriale Verbindung

SIRT3 sitzt überwiegend in den Mitochondrien. Dort verändert es die Acetylierung zahlreicher mitochondrialer Proteine und ist unter anderem mit oxidativem Stoffwechsel und Redoxregulation verbunden.[1]

Diese Position macht SIRT3 für die Alterungsforschung besonders interessant. Mitochondrien müssen ihren Stoffwechsel fortlaufend an Nährstoffangebot, Energiebedarf und Zellstress anpassen. Ein NAD+-abhängiges Enzym innerhalb dieses Systems bildet eine plausible Verbindung zwischen metabolischem Zustand und der Regulation mitochondrialer Proteine.

Auch hier bleibt die Richtung kontextabhängig. Aus der Beteiligung von SIRT3 an mitochondrialen Prozessen folgt weder, dass niedrige SIRT3-Aktivität eine allgemeine Ursache des Alterns ist, noch dass eine unspezifische Erhöhung von NAD+ automatisch die mitochondriale Funktion verbessert.

SIRT6: Genomstabilität und Langlebigkeit

SIRT6 liefert einige der auffälligsten Befunde innerhalb der Sirtuin-Familie. Das Enzym arbeitet vorwiegend im Zellkern und wird unter anderem mit Chromatinregulation, DNA-Reparatur und Genomstabilität verbunden.[1][5]

2012 zeigten Kanfi und Kollegen, dass eine Überexpression von SIRT6 die Lebensspanne männlicher transgener Mäuse verlängerte. Bei weiblichen Tieren wurde dieser Effekt in derselben Studie nicht beobachtet.[4]

Bei 450 aschkenasisch-jüdischen Hundertjährigen trat eine seltene SIRT6-Variante mit zwei gekoppelten Aminosäureänderungen etwa doppelt so häufig auf wie bei 550 Kontrollpersonen ohne familiäre außergewöhnliche Langlebigkeit: 1,0 gegenüber 0,55 Prozent. Wegen der geringen Zahl an Variantenträgern war dieser Unterschied statistisch jedoch nicht signifikant (P = 0,3).[5] Experimentelle Untersuchungen der Variante zeigten unter anderem Veränderungen bei DNA-Reparatur und Genomstabilität.

Die Studie beweist damit keine allgemeine Regel nach dem Muster „mehr SIRT6 = längeres Leben“. Interessanterweise zeigte die Variante sogar eine geringere Deacetylase-Aktivität bei gleichzeitig stärkerer Mono-ADP-Ribosyltransferase-Aktivität.[5]

Gerade dieser Befund zeigt, wie schnell die vereinfachte Vorstellung eines einzelnen „Sirtuin-Aktivitätspegels“ an ihre Grenzen kommt.

Sinkt NAD+ im Alter?

Eine der häufigsten Aussagen in der Longevity-Welt lautet, dass NAD+ mit zunehmendem Alter deutlich abfällt. Für zahlreiche Tiermodelle und einzelne Gewebe existieren dafür überzeugende Daten. Beim Menschen ist die Situation wesentlich weniger geschlossen.

Eine umfangreiche Übersichtsarbeit in Nature Metabolism aus dem Jahr 2025 wertete unter anderem die Humanbefunde zu altersabhängigen NAD+-Veränderungen aus. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass ein konsistenter Rückgang beim Menschen bislang nur in einer begrenzten Zahl von Studien beobachtet wurde. Die vorhandenen Daten unterscheiden sich nach Gewebe, untersuchter NAD-Verbindung und Messmethode erheblich.[6]

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung macht die Besonderheit des Blutwerts noch deutlicher. Trętowicz und Kollegen bestimmten NAD+ in sieben unabhängigen Human-Kohorten mit einer validierten massenspektrometrischen Methode. Die NAD+-Konzentration im Vollblut blieb über verschiedene Altersgruppen und untersuchte Lebensstilinterventionen hinweg weitgehend stabil. Auf eine Supplementierung mit Nicotinamid-Ribosid reagierte sie dagegen messbar.[7]

Vollblut-NAD+ eignet sich nach diesen Daten deshalb nicht als einfacher Biomarker dafür, wie „jung“ oder „alt“ der NAD+-Stoffwechsel eines Menschen ist. Der Befund sagt zugleich nichts darüber aus, ob sich NAD+ in einzelnen Geweben wie Skelettmuskel oder Gehirn mit dem Alter verändert.[7]

Das Problem beginnt bereits beim Begriff „NAD+-Spiegel“. Ein Blutwert ist nicht automatisch repräsentativ für Skelettmuskel, Leber oder Gehirn. Und selbst innerhalb einer Zelle können sich NAD-Pools in Zellkern, Zytosol und Mitochondrien unterschiedlich verhalten.[3][6][7]

AussageWie gut trägt sie?
NAD+ ist für Stoffwechsel und NAD+-verbrauchende Enzyme unverzichtbar.Etablierte Biologie.[2][3]
NAD+-Veränderungen treten in alternden Geweben auf.In Tiermodellen und einzelnen menschlichen Geweben gut beschrieben.[3][6]
Bei jedem Menschen sinkt NAD+ mit dem Alter systemisch.So pauschal durch Humanstudien nicht belegt. Vollblut-NAD+ blieb in einer aktuellen Untersuchung über das Alter hinweg weitgehend stabil.[6][7]
Ein höherer NAD+-Wert verlangsamt menschliches Altern.Nicht nachgewiesen.[6]

Für die Longevity-Diskussion ist diese Unterscheidung zentral. Ein plausibler altersabhängiger Mechanismus wird erst dann zu einer Intervention, wenn gezeigt wird, dass seine Veränderung beim Menschen einen relevanten gesundheitlichen Endpunkt verbessert.

„NAD+ sinkt im Alter“ – was bleibt davon übrig?

Als biologisches Modell ist ein altersabhängig veränderter NAD+-Stoffwechsel gut begründet. Ein universeller NAD+-Abfall in allen menschlichen Geweben ist dagegen bisher nicht gezeigt. Für Vollblut sprechen aktuelle Daten sogar gegen einen einfachen altersabhängigen Rückgang. Blut, Muskel, Leber, Gehirn und einzelne Zellkompartimente sollten deshalb nicht unter einem gemeinsamen „NAD+-Spiegel“ zusammengefasst werden.[6][7]

Seneszenz, Entzündung und CD38

Eine besonders interessante Verbindung führt von Zellseneszenz über das Immunsystem zum NAD+-Stoffwechsel.

Seneszente Zellen teilen sich dauerhaft nicht mehr, bleiben aber metabolisch aktiv. Ein Teil von ihnen setzt ein Gemisch aus Signalstoffen frei, das als seneszenzassoziierter sekretorischer Phänotyp – kurz SASP – bezeichnet wird.

In Mausmodellen zeigten Covarrubias und Kollegen, dass seneszente Zellen über solche entzündlichen Signale CD38-positive Makrophagen in Fettgewebe und Leber fördern können. Diese Immunzellen besaßen eine hohe NADase-Aktivität und trugen zum Rückgang des NAD+-Pools in den untersuchten Geweben bei.[8]

Damit entsteht eine mechanistische Verbindung:

Zellseneszenz → entzündliche SASP-Signale → CD38-positive Immunzellen → verstärkter NAD+-Abbau. [8]

Das passt gut zum größeren Konzept des Inflammaging, bei dem sich seneszente Zellen, Stoffwechsel, Immunalterung und niedriggradige Entzündung gegenseitig beeinflussen können.

Für den Menschen sollte die Kette dennoch nicht eins zu eins übernommen werden. Die entscheidenden Experimente zur seneszenzgetriebenen CD38-Zunahme wurden überwiegend in Mäusen und experimentellen Systemen durchgeführt.[8] Sie liefern einen plausiblen Mechanismus, aber keinen Nachweis dafür, dass eine CD38-Hemmung oder eine NAD+-Supplementierung menschliches Altern verlangsamt.

NAD+, Sirtuine und die innere Uhr

Auch die zirkadiane Uhr ist mit dem NAD+-Sirtuin-System verbunden. Damit trifft Stoffwechselregulation auf ein zweites System, das stark vom Zeitpunkt abhängt.

Ein zentraler Mechanismus wurde 2009 beschrieben: Die Kernuhr aus CLOCK und BMAL1 beeinflusst die Expression von NAMPT, einem wichtigen Enzym des NAD+-Salvage-Pathways. Dadurch kann auch die NAD+-Verfügbarkeit rhythmisch schwanken. SIRT1 wiederum interagiert mit Komponenten der zirkadianen Regulation.[9]

Vereinfacht entsteht eine Rückkopplung:

zirkadiane Uhr → NAMPT → NAD+ → SIRT1 → zirkadiane Regulation. [9]

Das ist biologisch eleganter als die Vorstellung eines dauerhaft möglichst hohen NAD+-Spiegels. Stoffwechsel lebt von zeitlicher Regulation. Dieselbe Zelle soll nicht rund um die Uhr identische Aufbau-, Abbau- und Stressprogramme fahren.

Aus diesem Mechanismus lässt sich allerdings keine konkrete „Sirtuin-Uhrzeit“ für Nahrungsergänzungsmittel ableiten. Dafür fehlen entsprechende klinische Daten.

Kann man Sirtuine aktivieren?

„Sirtuine aktivieren“ gehört zu den häufigsten Suchanfragen rund um das Thema. Biochemisch ist die Formulierung möglich, im Alltag klingt sie jedoch einfacher, als das System tatsächlich ist.

Die Aktivität eines Sirtuins hängt nicht allein von seiner Menge ab. NAD+-Verfügbarkeit, Substratproteine, posttranslationale Regulation, Zellkompartiment und Stoffwechsellage wirken gemeinsam. Verschiedene Sirtuine reagieren zudem nicht identisch.[1]

Lebensstilinterventionen wie Fasten und Bewegung verändern den Energiestoffwechsel und damit auch Signalwege, in denen Sirtuine vorkommen. Das macht sie jedoch nicht zu pharmakologischen Sirtuin-Schaltern.

Fasten und Kalorienrestriktion

Die Verbindung von Sirtuinen und Kalorienrestriktion reicht bis zu den frühen Experimenten an Modellorganismen zurück. Niedrigere Energieverfügbarkeit verändert zahlreiche Nährstoff- und Stresssignalwege gleichzeitig – darunter AMPK, mTOR, Insulin- und IGF-Signale sowie den NAD+-Stoffwechsel.

Auch beim Menschen verändert längerfristige Kalorienrestriktion die molekulare Anpassung. In der CALERIE-Studie führte eine im Mittel etwa zwölfprozentige Kalorienrestriktion über zwei Jahre zu Veränderungen zahlreicher Genprogramme im Skelettmuskel, darunter Signalwege aus Proteostase, zirkadianer Regulation, DNA-Reparatur, mitochondrialer Biogenese und Entzündung.[10]

Das sollte nicht mit einem direkten Nachweis einer dauerhaften Sirtuin-Aktivierung gleichgesetzt werden.

Ein gutes Gegenbeispiel liefert eine kleine Humanstudie mit zehn gesunden jungen Männern. Nach 48 Stunden Fasten war die SIRT1-mRNA im Muskel leicht erhöht. SIRT1-Protein, nukleäre SIRT1-Aktivität und mehrere Aktivierungsmarker veränderten sich dagegen nicht signifikant. Die Autoren bewerteten ihre Ergebnisse ausdrücklich als nicht vereinbar mit einer klar veränderten SIRT1-Aktivierung im menschlichen Skelettmuskel.[11]

Fasten verändert also zweifellos den Stoffwechsel. Ob ein bestimmtes Sirtuin dabei in einem bestimmten menschlichen Gewebe tatsächlich stärker arbeitet, ist eine wesentlich engere Frage.

Bewegung und Training

Bei Bewegung ist die Datenlage besonders interessant, weil Training nicht einfach einen einzelnen Sirtuin-Marker verändert. Es erhöht den Energieumsatz, beansprucht Mitochondrien und löst langfristige Anpassungen in Muskulatur, Gefäßen und Stoffwechsel aus.

Eine Humanstudie untersuchte den NAD+-Salvage-Pathway im Skelettmuskel von jüngeren und älteren Personen. Die Menge des Enzyms NAMPT nahm mit dem Alter ab. Nach zwölf Wochen Ausdauertraining stieg NAMPT bei den älteren Teilnehmenden um etwa 28 Prozent, nach Krafttraining um etwa 30 Prozent.[12]

Das ist ein konkreter menschlicher Befund zur körpereigenen NAD+-Regulation. Er sagt allerdings nicht, dass durch Training automatisch mehr SIRT1 oder SIRT3 aktiv ist oder dass NAMPT selbst einen Longevity-Effekt beweist.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von 34 Humanstudien untersuchte deshalb direkt verschiedene SIRT1-Marker. Akute hochintensive beziehungsweise nüchtern durchgeführte Belastungen waren mit höherer SIRT1-Genexpression im Muskel verbunden; bei wiederholtem Krafttraining fanden sich Veränderungen von SIRT1-Messwerten im Blut. Je nach Gewebe, Messmethode und Trainingsform waren die Befunde jedoch unterschiedlich.[13]

Training beeinflusst damit Teile des NAD+-Sirtuin-Netzwerks. Sein gesundheitlicher Wert muss aber nicht erst aus einem einzelnen Sirtuin-Mechanismus hergeleitet werden: Für körperliche Aktivität existiert eine wesentlich breitere klinische Evidenz als für die gezielte pharmakologische oder supplementäre Aktivierung eines einzelnen Sirtuins.

Resveratrol und die Geschichte der SIRT1-Aktivierung

Kaum ein Stoff hat die Popularität der Sirtuine so stark geprägt wie Resveratrol. Anfang der 2000er-Jahre entstand daraus eine ausgesprochen attraktive Geschichte: Ein Pflanzenstoff aus Trauben und Rotwein könne SIRT1 aktivieren und dadurch Teile einer Kalorienrestriktion nachahmen.

Die methodische Geschichte dahinter ist lehrreich.

In frühen Laborassays wurde die SIRT1-Aktivität mit künstlichen Peptidsubstraten gemessen, an die fluoreszierende Gruppen gekoppelt waren. Spätere Untersuchungen fanden, dass Resveratrol und mehrere synthetische SIRT1-Aktivatoren bei nativen Substraten nicht dieselbe Aktivierung zeigten. Pacholec und Kollegen kamen 2010 deshalb zu dem Schluss, dass der damalige Assay durch die fluoreszierende Markierung beeinflusst worden war.[14]

Damit war die Geschichte jedoch noch nicht beendet. Eine spätere Arbeit zeigte, dass bestimmte natürliche hydrophobe Aminosäuresequenzen in SIRT1-Substraten ebenfalls eine allosterische Aktivierung durch entsprechende Verbindungen ermöglichen können. Die direkte Regulation von SIRT1 hängt demnach stark vom jeweiligen Substrat ab.[15]

Aus „Resveratrol aktiviert SIRT1“ wurde dadurch keine völlig falsche Aussage, aber eine wesentlich kompliziertere:

Die Wirkung hängt von Substrat, Testsystem, Konzentration und biologischem Kontext ab. [14][15]

Für einen Longevity-Ratgeber ist das fast wichtiger als die ursprüngliche Schlagzeile. Eine biochemische Aktivierung in einem Assay beweist weder eine systemische SIRT1-Aktivierung beim Menschen noch eine Verlängerung der Lebensspanne.

Was bedeutet „Sirtuine aktivieren“ praktisch?

Fasten, Kalorienrestriktion und Bewegung verändern Stoffwechselsignale, in denen Sirtuine beteiligt sein können. Resveratrol kann SIRT1 unter bestimmten experimentellen Bedingungen beeinflussen. Keine dieser Beobachtungen rechtfertigt jedoch die Vorstellung, alle sieben Sirtuine ließen sich beim Menschen gezielt auf einen gemeinsamen „Longevity-Modus“ stellen.

NR und NMN: Mehr NAD+ für mehr Sirtuin-Aktivität?

Eine zweite Strategie setzt nicht direkt am Sirtuin an, sondern am benötigten NAD+. Besonders viel untersucht werden die Vorstufen Nicotinamid-Ribosid (NR) und Nicotinamid-Mononukleotid (NMN).

Die Logik lautet:

NAD+-Vorstufe → NAD+-Pool steigt → mehr NAD+ steht NAD+-abhängigen Enzymen zur Verfügung → Sirtuin-Aktivität könnte steigen.

Die ersten Schritte dieser Kette lassen sich beim Menschen tatsächlich messen. Die späteren Schritte sind erheblich schwieriger.

2018 untersuchten Martens und Kollegen NR in einer randomisierten, doppelblinden Crossover-Studie bei gesunden Erwachsenen mittleren und höheren Alters. Die sechs Wochen dauernde Supplementierung erhöhte NAD+-bezogene Metabolite deutlich und wurde in dieser Studie gut vertragen.[16]

Damit war gezeigt: Eine orale NAD+-Vorstufe kann den menschlichen NAD+-Stoffwechsel messbar verändern.

Nicht gezeigt war damit, dass alle Sirtuine stärker arbeiten, dass bestimmte Organe funktionell jünger werden oder dass sich menschliches Altern verlangsamt.

Ein NAD+-Biomarker ist noch kein Sirtuin- oder Longevity-Nachweis

Zwischen einer erhöhten Konzentration eines NAD+-Metaboliten im Blut und einer veränderten Alterungsrate liegen mehrere eigenständige Evidenzstufen: Gewebeaufnahme, intrazellulärer NAD+-Pool, Aktivität des jeweiligen Sirtuins, Veränderung seiner Zielproteine, Organfunktion und schließlich ein klinisch relevanter Effekt.

Was zeigen Humanstudien zu NAD+-Vorstufen?

Evidenztreppe von NAD+-Vorstufen über Biomarker und Zellstoffwechsel bis zu klinischen Longevity-Endpunkten

Humanstudien zu NR und NMN zeigen inzwischen ein wiederkehrendes Muster: Der NAD+-Stoffwechsel reagiert vergleichsweise zuverlässig. Klinische Endpunkte reagieren wesentlich uneinheitlicher.

Einige Studien liefern interessante positive Signale.

Yoshino und Kollegen untersuchten 25 übergewichtige oder adipöse postmenopausale Frauen mit Prädiabetes. Zehn Wochen NMN mit 250 mg pro Tag erhöhten die muskuläre Insulinsensitivität und veränderten Signalwege im Skelettmuskel. Andere gemessene metabolische Parameter reagierten nicht in gleicher Weise.[17]

Eine japanische Studie mit älteren Männern verwendete ebenfalls 250 mg NMN pro Tag. Nach sechs beziehungsweise zwölf Wochen waren NAD+ und verwandte Metabolite im Vollblut erhöht. Bei einzelnen Muskelfunktionstests fanden sich Unterschiede, während sich die Körperzusammensetzung nicht signifikant veränderte. Die Autoren selbst verwiesen auf die Notwendigkeit größerer Studien.[18]

2024 erschien eine weitere randomisierte Doppelblindstudie mit 60 älteren Erwachsenen. Die Teilnehmenden erhielten zwölf Wochen lang 250 mg NMN oder Placebo. Beim vorab definierten primären motorischen Endpunkt – einem Stepping-Test – bestand nach vier und zwölf Wochen kein signifikanter Gruppenunterschied. Zu den sekundären Befunden gehörten höhere NAD+-Werte im Blut und eine kürzere Zeit im 4-Meter-Gehtest.[19]

Gerade dieses Beispiel zeigt, warum Haupt- und Nebenergebnisse getrennt betrachtet werden sollten. Ein positiver sekundärer Endpunkt kann ein interessantes Signal liefern. Er verwandelt einen negativen primären Endpunkt aber nicht nachträglich in einen generellen Wirksamkeitsnachweis.

EvidenzstufeWas wurde beim Menschen gezeigt?Was folgt daraus noch nicht?
Aufnahme und StoffwechselNR und NMN können NAD+-bezogene Metabolite verändern.[16][18][19]Keine Aussage über Langlebigkeit.
BiomarkerNAD+ oder verwandte Metabolite können in Blut oder Zellen ansteigen.[16][18][19]Kein automatischer Anstieg in jedem Organ oder Zellkompartiment.
Funktionelle EndpunkteEinzelne Studien berichten Veränderungen bestimmter metabolischer oder funktioneller Parameter.[17][18][19]Kein einheitlicher klinischer Effekt über Populationen und Endpunkte hinweg.
Gesundes AlternWird in frühen Humanstudien indirekt untersucht.Keine nachgewiesene Verlangsamung der menschlichen Alterung.
LebensspanneKeine entsprechenden langfristigen Interventionsdaten.Keine belegte Lebensverlängerung beim Menschen.

Eine 2026 veröffentlichte PRISMA-basierte systematische Übersicht fasste 113 Interventionsstudien zusammen: 33 Humanstudien – davon 28 randomisiert und fünf nicht randomisiert – sowie 80 Studien an Nagern. Für orale NR- und NMN-Interventionen zeigte sich beim Menschen relativ zuverlässig eine messbare Veränderung des NAD+-Stoffwechsels. Ergebnisse zu Stoffwechsel, Gefäßfunktion und anderen für gesunde Lebensjahre relevanten Endpunkten waren dagegen heterogen und häufig ohne signifikanten Effekt.[20]

Auch für verbreitete NAD+-Infusionen ist die Evidenzlücke bemerkenswert. Die systematische Übersicht fand keine geeignete Outcome-Studie, die intravenöses oder intramuskuläres NAD+ selbst als Anti-Aging- oder Wellness-Intervention mit klinischen Endpunkten untersucht hatte.[20]

Das erlaubt keine Aussage, dass NAD+-Infusionen „nicht wirken“. Es bedeutet, dass die verbreiteten Anti-Aging-Versprechen bislang nicht durch entsprechende klinische Outcome-Daten getragen werden.

Was die Humanforschung bisher am klarsten zeigt

Gut belegt: Bestimmte NAD+-Vorstufen können den menschlichen NAD+-Stoffwechsel und NAD+-bezogene Biomarker verändern.[16][20]

Interessant, aber uneinheitlich: Einzelne metabolische und funktionelle Endpunkte reagieren in bestimmten Populationen.[17][18][19][20]

Nicht gezeigt: Dass NR, NMN oder NAD+-Infusionen die menschliche Alterung verlangsamen oder die Lebensspanne verlängern.[6][20]

Mehr NAD+ ist nicht automatisch besser

Die Idee eines möglichst hohen NAD+-Spiegels passt schlecht zur eigentlichen Biologie. NAD+ ist Teil eines dynamischen Stoffwechselsystems. Es wird gebildet, recycelt, zwischen Kompartimenten verteilt und von unterschiedlichen Enzymen verbraucht.

Auch NAD+-Verbrauch ist nicht grundsätzlich unerwünscht. PARPs benötigen NAD+ beispielsweise für Reaktionen der DNA-Schadensantwort. Sirtuine verbrauchen es gerade dann, wenn sie ihre enzymatische Funktion ausüben. Ein sinkender NAD+-Pool kann deshalb sowohl auf gestörte Homöostase als auch auf erhöhte Nutzung hinweisen.

Ebenso wenig besitzen alle Sirtuine ausschließlich „Anti-Aging-Funktionen“. Sirtuin-Aktivität ist kontextabhängig und kann je nach Zelltyp und biologischer Situation unterschiedliche Folgen haben.[1]

Für Supplemente entsteht daraus eine wichtige Grenze: Ein Produkt kann einen NAD+-Biomarker erhöhen, ohne dass damit bereits der gesundheitliche Nutzen definiert wäre. Die aktuelle Humanforschung zu NAD+-Vorstufen ist dafür ein gutes Beispiel.[6][20]

Wer NR, NMN oder andere NAD+-bezogene Stoffe beurteilen möchte, sollte deshalb mehrere Ebenen getrennt betrachten:

  • Welche Verbindung wurde tatsächlich untersucht?
  • In welcher Population?
  • Welche Dosis und Dauer wurden verwendet?
  • Wurde NAD+ im Blut, in Zellen oder in einem Gewebe gemessen?
  • War der untersuchte Wert ein Biomarker oder ein klinischer Endpunkt?
  • War der Endpunkt vorab als primäres Studienziel definiert?
  • Und lässt sich das Ergebnis überhaupt auf gesundes Altern übertragen?

Diese Fragen sind weniger spektakulär als die Aussage „NAD+ aktiviert Langlebigkeitsgene“. Sie bringen die vorhandenen Daten aber wesentlich näher an das, was beim Menschen tatsächlich untersucht wurde.

Fazit: Sirtuine sind Teil eines Netzwerks, kein Alterungsschalter

Sirtuine verbinden Stoffwechselzustand und Zellregulation auf ungewöhnlich direkte Weise. Sie benötigen NAD+, verändern Proteine und greifen damit in Prozesse ein, die von mitochondrialem Stoffwechsel über Stressantworten bis zu Chromatin und Genomstabilität reichen.[1][2]

Diese Biologie erklärt, warum SIRT1, SIRT3 und SIRT6 zu wichtigen Forschungsobjekten der Alternsbiologie geworden sind. Tiermodelle liefern teilweise eindrucksvolle Ergebnisse. Die seltene SIRT6-Variante bei Hundertjährigen ergänzt diese Forschung um einen interessanten, genetisch aber noch statistisch unsicheren Humanbefund.[4][5]

Die populäre Kette „Alter → NAD+ sinkt → Sirtuine werden inaktiv → Altern beschleunigt sich“ ist dennoch zu glatt. Selbst der altersabhängige NAD+-Rückgang ist beim Menschen nicht in allen Geweben konsistent nachgewiesen. Für Vollblut sprechen aktuelle Daten sogar gegen einen einfachen altersabhängigen Abfall.[6][7]

Fasten und Bewegung beeinflussen den Stoffwechsel und können Teile des Sirtuin- beziehungsweise NAD+-Netzwerks verändern. Resveratrol besitzt eine wesentlich kompliziertere Beziehung zu SIRT1, als es die frühe Geschichte vom direkten „Langlebigkeitsaktivator“ vermuten ließ.[11][12][13][14][15]

NR und NMN zeigen wiederum sehr schön die Grenze zwischen Biochemie und klinischer Wirkung: NAD+-bezogene Biomarker lassen sich beim Menschen erhöhen. Ob daraus ein relevanter Vorteil für gesundes Altern entsteht, ist bislang nicht allgemein beantwortet.[6][16][20]

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Sirtuine für das Verständnis des Alterns: Sie zeigen, wie eng Energiezustand, Zellstress, Reparatur und Genregulation miteinander verbunden sind. Altern entsteht jedoch nicht an einer einzigen dieser Verbindungen. Es ist das Ergebnis eines wesentlich größeren biologischen Netzwerks.

NR und NMN: regulatorisch nicht dasselbe

Nicotinamid-Ribosidchlorid ist in der Europäischen Union als Novel Food unter festgelegten Verwendungsbedingungen zugelassen. Für Nahrungsergänzungsmittel gelten dabei festgelegte Höchstmengen und Zielgruppen.

β-NMN wird dagegen als Novel Food eingestuft. Die EFSA veröffentlichte 2026 für eine konkrete β-NMN-Anwendung eine positive Sicherheitsbewertung für bis zu 300 mg pro Tag bei Erwachsenen, ausgenommen Schwangere und Stillende. Eine positive EFSA-Sicherheitsbewertung ist jedoch noch keine Marktzulassung. Stand September 2026 ist β-NMN nicht als zugelassenes Novel Food in die Unionsliste aufgenommen. Bei Produkten muss deshalb der konkrete europäische Zulassungsstatus berücksichtigt werden.

Wie möchtest Du jetzt weitermachen?

Wenn Du zuerst die biochemische Grundlage von NAD+ und NADH vertiefen möchtest, führt der NAD-Ratgeber durch Redoxsystem, Atmungskette und NAD+-Vorstufen. Für die größeren Longevity-Zusammenhänge schließen Mitochondrien, Inflammaging und mTOR direkt an. Wer sich für Nahrungsergänzungsmittel rund um den mitochondrialen Stoffwechsel interessiert, findet dafür eine getrennte Produktübersicht.

FAQ – Häufige Fragen zu Sirtuinen und NAD+

Was sind Sirtuine?

Sirtuine sind NAD+-abhängige Enzyme, die chemische Modifikationen an Proteinen verändern. Beim Menschen gibt es sieben Sirtuine, SIRT1 bis SIRT7. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Zellkompartimenten, Zielproteinen und Aufgaben und sind unter anderem an Stoffwechsel-, Stress- und Genregulationsprozessen beteiligt.[1]

Was hat NAD+ mit Sirtuinen zu tun?

Sirtuine benötigen NAD+ als Co-Substrat für ihre enzymatische Reaktion. Dabei wird NAD+ chemisch umgesetzt. Die Verfügbarkeit von NAD+ kann deshalb die Aktivität von Sirtuinen beeinflussen, ist aber nicht der einzige regulierende Faktor.[2][3]

Kann man Sirtuine aktivieren?

Sirtuin-Aktivität lässt sich experimentell beeinflussen. Beim Menschen verändern Fasten, Kalorienrestriktion und Bewegung verschiedene Stoffwechsel- und Sirtuin-Marker, die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch nach Gewebe und Messmethode. Es gibt keinen etablierten Lebensstil- oder Supplementansatz, mit dem alle sieben Sirtuine gezielt in einen allgemeinen „Longevity-Modus“ gebracht werden könnten.[10][11][13]

Aktiviert Fasten Sirtuine?

Fasten verändert zahlreiche Nährstoff- und Energiesignale, die mit Sirtuinen verbunden sind. Humanstudien zeigen jedoch nicht einfach eine allgemeine Sirtuin-Aktivierung. In einer kleinen Studie erhöhte 48-stündiges Fasten beispielsweise die SIRT1-Genexpression im Muskel leicht, ohne die gemessene nukleäre SIRT1-Aktivität signifikant zu verändern.[11]

Aktiviert Sport Sirtuine?

Bewegung beeinflusst den NAD+- und Sirtuin-Stoffwechsel. Zwölf Wochen Ausdauer- beziehungsweise Krafttraining erhöhten in einer Humanstudie das NAD+-Salvage-Enzym NAMPT im Muskel älterer Personen um etwa 28 beziehungsweise 30 Prozent. Eine Meta-Analyse fand zudem trainingsabhängige Veränderungen verschiedener SIRT1-Marker, allerdings mit Unterschieden zwischen Geweben und Messmethoden.[12][13]

Aktiviert Resveratrol SIRT1?

Die Beziehung zwischen Resveratrol und SIRT1 ist komplex. Frühere Aktivierungsassays wurden teilweise durch fluoreszierende Testsubstrate beeinflusst. Spätere Arbeiten zeigten, dass eine direkte allosterische SIRT1-Aktivierung bei bestimmten Substratsequenzen möglich sein kann. Daraus folgt jedoch kein Nachweis, dass Resveratrol beim Menschen über SIRT1 die Alterung verlangsamt.[14][15]

Sinkt NAD+ mit zunehmendem Alter?

In Tiermodellen und einzelnen menschlichen Geweben wurden altersabhängige NAD+-Rückgänge beobachtet. Die Humanbefunde sind jedoch nicht einheitlich. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung mit sieben unabhängigen Human-Kohorten fand beispielsweise keinen altersabhängigen Rückgang von NAD+ im Vollblut. Blutwerte lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Gewebe übertragen.[6][7]

Verlangsamen NR oder NMN das Altern?

NR und NMN können beim Menschen den NAD+-Stoffwechsel und NAD+-bezogene Biomarker verändern. Einzelne Studien berichten auch Veränderungen bestimmter metabolischer oder funktioneller Endpunkte. Ein allgemeiner Nachweis, dass NR oder NMN die menschliche Alterung verlangsamen oder die Lebensspanne verlängern, liegt bislang nicht vor.[6][16][17][18][19][20]

Wissenschaftliche Quellen

  1. Bursch KL, Goetz CJ, Smith BC. Current Trends in Sirtuin Activator and Inhibitor Development. Molecules. 2024;29(5):1185. doi:10.3390/molecules29051185. PMID: 38474697.
  2. Anderson KA, Madsen AS, Olsen CA, Hirschey MD. Metabolic control by sirtuins and other enzymes that sense NAD+, NADH, or their ratio. Biochim Biophys Acta Bioenerg. 2017;1858(12):991–998. doi:10.1016/j.bbabio.2017.09.005. PMID: 28947253.
  3. Covarrubias AJ, Perrone R, Grozio A, Verdin E. NAD+ metabolism and its roles in cellular processes during ageing. Nat Rev Mol Cell Biol. 2021;22:119–141. doi:10.1038/s41580-020-00313-x. PMID: 33353981.
  4. Kanfi Y, Naiman S, Amir G, et al. The sirtuin SIRT6 regulates lifespan in male mice. Nature. 2012;483:218–221. doi:10.1038/nature10815. PMID: 22367546.
  5. Simon M, Yang J, Gigas J, et al. A rare human centenarian variant of SIRT6 enhances genome stability and interaction with Lamin A. EMBO J. 2022;41(21):e110393. doi:10.15252/embj.2021110393. PMID: 36215696.
  6. Vinten KT, Trętowicz MM, Coskun E, et al. NAD+ precursor supplementation in human ageing: clinical evidence and challenges. Nat Metab. 2025;7:1974–1990. doi:10.1038/s42255-025-01387-7. PMID: 41083806.
  7. Trętowicz MM, Scantlebery AML, Schomakers BV, et al. Human whole-blood NAD+ levels do not vary with age or lifestyle interventions. Nat Metab. 2026;8(6):1282–1290. doi:10.1038/s42255-026-01537-5. PMID: 42135539.
  8. Covarrubias AJ, Kale A, Perrone R, et al. Senescent cells promote tissue NAD+ decline during ageing via the activation of CD38+ macrophages. Nat Metab. 2020;2:1265–1283. doi:10.1038/s42255-020-00305-3. PMID: 33199924.
  9. Nakahata Y, Sahar S, Astarita G, Kaluzova M, Sassone-Corsi P. Circadian control of the NAD+ salvage pathway by CLOCK-SIRT1. Science. 2009;324(5927):654–657. doi:10.1126/science.1170803. PMID: 19286518.
  10. Das JK, Banskota N, Candia J, et al. Calorie restriction modulates the transcription of genes related to stress response and longevity in human muscle: The CALERIE study. Aging Cell. 2023;22(12):e13963. doi:10.1111/acel.13963. PMID: 37823711.
  11. Edgett BA, Scribbans TD, Raleigh JP, et al. The impact of a 48-h fast on SIRT1 and GCN5 in human skeletal muscle. Appl Physiol Nutr Metab. 2016;41(9):953–962. doi:10.1139/apnm-2016-0130. PMID: 27525514.
  12. de Guia RM, Agerholm M, Nielsen TS, et al. Aerobic and resistance exercise training reverses age-dependent decline in NAD+ salvage capacity in human skeletal muscle. Physiol Rep. 2019;7(12):e14139. doi:10.14814/phy2.14139. PMID: 31207144.
  13. Gallardo Juan C, Matchett KB, Davison GW. A systematic review and meta-analysis of the SIRT1 response to exercise. Sci Rep. 2023;13:14752. doi:10.1038/s41598-023-38843-x. PMID: 37679377.
  14. Pacholec M, Bleasdale JE, Chrunyk B, et al. SRT1720, SRT2183, SRT1460, and resveratrol are not direct activators of SIRT1. J Biol Chem. 2010;285:8340–8351. doi:10.1074/jbc.M109.088682. PMID: 20061378.
  15. Hubbard BP, Gomes AP, Dai H, et al. Evidence for a common mechanism of SIRT1 regulation by allosteric activators. Science. 2013;339(6124):1216–1219. doi:10.1126/science.1231097. PMID: 23471411.
  16. Martens CR, Denman BA, Mazzo MR, et al. Chronic nicotinamide riboside supplementation is well-tolerated and elevates NAD+ in healthy middle-aged and older adults. Nat Commun. 2018;9:1286. doi:10.1038/s41467-018-03421-7. PMID: 29599478.
  17. Yoshino M, Yoshino J, Kayser BD, et al. Nicotinamide mononucleotide increases muscle insulin sensitivity in prediabetic women. Science. 2021;372(6547):1224–1229. doi:10.1126/science.abe9985. PMID: 33888596.
  18. Igarashi M, Nakagawa-Nagahama Y, Miura M, et al. Chronic nicotinamide mononucleotide supplementation elevates blood nicotinamide adenine dinucleotide levels and alters muscle function in healthy older men. npj Aging. 2022;8:5. doi:10.1038/s41514-022-00084-z. PMID: 35927255.
  19. Morifuji M, Higashi S, Ebihara S, Nagata M. Ingestion of β-nicotinamide mononucleotide increased blood NAD levels, maintained walking speed, and improved sleep quality in older adults in a double-blind randomized, placebo-controlled study. GeroScience. 2024;46(5):4671–4688. doi:10.1007/s11357-024-01204-1. PMID: 38789831.
  20. Gallagher C, Emmanuel OO. NAD+ supplementation for anti-aging and wellness: A PRISMA-guided systematic review of preclinical and clinical evidence. Ageing Res Rev. 2026;116:103057. doi:10.1016/j.arr.2026.103057. PMID: 41655607.

Rechtliche und regulatorische Quellen

  • Durchführungsverordnung (EU) 2022/1160 der Kommission vom 5. Juli 2022 zur Änderung der Unionsliste neuartiger Lebensmittel hinsichtlich Nicotinamid-Ribosidchlorid.
  • EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA). Safety of beta-nicotinamide mononucleotide (β-NMN) pursuant to Regulation (EU) 2015/2283 and the bioavailability of nicotinamide from this source in the context of Directive 2002/46/EC. EFSA Journal. 2026. doi:10.2903/j.efsa.2026.10007.
  • Europäische Kommission, Novel-Food-Konsultationsverfahren: Nicotinamid-Mononukleotid mit 95–99 % Reinheit als Novel Food eingestuft.
  • Europäische Kommission, Übersicht laufender Novel-Food-Anträge: β-Nicotinamide Mononucleotide beziehungsweise Nicotinamide Mononucleotide.

Weiterführende Ratgeber auf Gesundheitsfundament

Abgelegt unter: Altern , Fasten , Healthy aging , Longevity , Mitochondrien , NAD+ , nad-stoffwechsel , NMN , NR , Resveratrol , sirt1 , sirtuine , Zellalterung

Über Jann Glasmachers

Mein Name ist Jann Glasmachers. Ich bin Gründer und Inhaber des Gesundheitsfundaments und habe Ausbildungen zum Heilpraktiker sowie zum holistischen Gesundheits-, Vitalkost- und Lebensberater absolviert. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Ernährungswissenschaft, Mikronährstoffen und den biologischen Zusammenhängen von Gesundheit und Krankheit. Meine Ratgeber entstehen durch die systematische Auswertung wissenschaftlicher Studien, Fachliteratur und medizinischer Leitlinien. Dabei ist mir besonders wichtig, zwischen gesicherten Erkenntnissen, biologisch plausiblen Mechanismen und offenen Forschungsfragen zu unterscheiden. Mein Ziel: Gesundheit so lange erklären, bis Verständnis entsteht.

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