Interozeption: Wie Dein Gehirn Signale aus dem Körper liest

Eine Person hält im Alltag kurz inne und nimmt Signale aus dem eigenen Körper wahr

Manchmal meldet sich der Körper so deutlich, dass er kaum zu überhören ist. Das Herz schlägt schneller, der Magen zieht sich zusammen, die Blase drängt oder ein tiefer Atemzug fühlt sich plötzlich notwendig an. Zu anderen Zeiten vergehen Stunden, bevor Hunger, Durst oder Erschöpfung überhaupt ins Bewusstsein rücken.

Zwischen diesen beiden Extremen geschieht fortlaufend etwas Erstaunliches: Das Nervensystem empfängt Informationen aus dem Körperinneren, verarbeitet sie und stimmt darauf Kreislauf, Atmung, Verdauung, Verhalten und Aufmerksamkeit ab. Nur ein kleiner Teil davon wird zu einer bewussten Empfindung.

Der wissenschaftliche Begriff für diese Innenwahrnehmung lautet Interozeption. Sie ist eine wichtige Verbindung zwischen Körper und Gehirn. Zugleich wird kaum ein Begriff in diesem Feld so schnell missverstanden. Starkes Spüren ist nicht automatisch genaues Spüren. Und eine intensive Körperwahrnehmung verrät noch nicht zuverlässig, woher ein Signal kommt.

Was ist Interozeption?

Interozeption bezeichnet den Prozess, durch den das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren erfasst, deutet und miteinander verbindet. Daraus entsteht eine fortlaufend aktualisierte Repräsentation des inneren körperlichen Zustands – auf bewusster und unbewusster Ebene.[1]

Dazu gehören beispielsweise Informationen über Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Hunger, Sättigung, Durst, Übelkeit, Darmbewegung, Blasenfüllung, Körpertemperatur, Schmerz, Erschöpfung und sexuelle Erregung. Auch hormonelle, metabolische und immunologische Veränderungen können die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn beeinflussen, ohne dass sie als einzelne Botschaft bewusst wahrgenommen werden.[2]

Die kurze Antwort

Interozeption ist der innere Sinn für den Zustand des eigenen Körpers. Sie liefert dem Gehirn keine fertigen Diagnosen. Sie stellt Signale bereit, die zusammen mit Situation, Erfahrung, Erwartungen und Aufmerksamkeit eingeordnet werden.

Damit beginnt die eigentliche Nutzerfrage hinter dem Begriff: Warum spüre ich manche Vorgänge sehr deutlich, andere kaum – und weshalb kann sich dasselbe Körpersignal je nach Situation völlig unterschiedlich anfühlen?

Artikel anhören

Nachfolgend findest Du eine Hörversion dieses Artikels.

Wie der Körper Signale an das Gehirn sendet

Interozeption beginnt nicht erst in dem Moment, in dem Du etwas fühlst. Zunächst registrieren spezialisierte Rezeptoren und freie Nervenendigungen Veränderungen im Gewebe und in den Organen. Dehnt sich der Magen? Wie hoch ist der Druck in einem Blutgefäß? Verändert sich der Sauerstoff- oder Kohlendioxidgehalt? Wird Gewebe gereizt oder entzündlich aktiviert?

Interozeption als Weg von inneren Körpersignalen über Nervenbahnen zum Gehirn und zur körperlichen Regulation

Ein Teil dieser Informationen gelangt über den Vagusnerv und andere Hirnnerven zum Hirnstamm. Weitere Signale laufen über sensorische Bahnen des Rückenmarks. Hinzu kommen chemische Informationen, die über Blut, Hormone und Immunbotenstoffe vermittelt oder von spezialisierten Strukturen registriert werden. Im Gehirn sind unter anderem Hirnstamm, Thalamus, Hypothalamus, Inselrinde und Bereiche des cingulären Kortex an der Verarbeitung beteiligt.[3]

Diese Aufzählung klingt nach einer Leitung vom Organ zum Gehirn. Biologisch handelt es sich eher um ein Netzwerk mit Rückkopplungen. Das Gehirn empfängt Signale und beeinflusst zugleich den Körper: Es verändert beispielsweise Atmung, Herzfrequenz, Gefäßweite, Verdauungsaktivität und hormonelle Reaktionen. Körper und Gehirn halten so den inneren Zustand innerhalb lebensfähiger Bereiche und passen ihn an erwartete Anforderungen an.

Die meisten Körpersignale bleiben unbewusst

Würdest Du jeden Herzschlag, jede Darmbewegung und jede kleine Verschiebung des Blutdrucks bewusst erleben, wäre kaum Aufmerksamkeit für die Außenwelt übrig. Ein großer Teil der Interozeption dient deshalb der automatischen Regulation. Kreislaufreflexe können den Blutdruck stabilisieren, lange bevor Dir beim Aufstehen überhaupt etwas auffällt.

Bewusst werden innere Signale häufig dann, wenn sie eine bestimmte Intensität erreichen, unerwartet auftreten oder für die aktuelle Situation bedeutsam erscheinen. Hunger lenkt die Suche nach Nahrung. Durst macht Trinken dringlicher. Luftnot beansprucht sofort Aufmerksamkeit. Müdigkeit verändert, welche Anstrengung noch vernünftig erscheint.

Interozeption verbindet damit Wahrnehmung und Regulation. Das Signal beschreibt einen Zustand, und aus seiner Verarbeitung kann eine Anpassung folgen.

Interozeption, Propriozeption und Außenwahrnehmung

Körperwahrnehmung ist ein weiter Begriff. Er umfasst mehrere Sinnessysteme, die im Alltag eng zusammenarbeiten. Für das Verständnis der Interozeption hilft eine einfache Trennung:

WahrnehmungsbereichZentrale FrageTypische Beispiele
InterozeptionWas geschieht in meinem Körperinneren?Herzschlag, Atmung, Hunger, Durst, Übelkeit, Blasenfüllung, innere Temperatur
PropriozeptionWo befinden sich meine Körperteile und wie bewegen sie sich?Gelenkstellung, Muskelspannung, Haltung, Bewegung im Raum
ExterozeptionWas geschieht außerhalb meines Körpers?Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berührungen an der Körperoberfläche

Die Grenzen sind nicht an jeder Stelle scharf. Temperatur und Schmerz können je nach Ursprung und wissenschaftlicher Definition unterschiedlichen sensorischen Bereichen zugeordnet werden. Beim Yoga wirken Interozeption und Propriozeption beispielsweise gleichzeitig: Du bemerkst die Lage eines Beins, die Spannung eines Muskels und vielleicht auch, wie sich Atmung oder Herzschlag verändern.

Spüren, Genauigkeit und Einordnung sind nicht dasselbe

Der Satz „Ich habe eine gute Körperwahrnehmung“ kann mehrere Dinge meinen. Vielleicht richtet jemand häufig Aufmerksamkeit nach innen. Vielleicht erkennt die Person einen Herzschlag oder eine Veränderung der Atmung in einem Test besonders zuverlässig. Oder sie kann gut einschätzen, wann ihr eigenes Urteil über ein Körpersignal sicher und wann es unsicher ist.

In der Forschung werden solche Ebenen voneinander getrennt. Eine einflussreiche Untersuchung mit 80 gesunden Erwachsenen unterschied drei Dimensionen:[4]

  • Interozeptive Genauigkeit: Wie gut stimmt die Leistung in einer objektiven Wahrnehmungsaufgabe mit dem tatsächlichen Körpersignal überein?
  • Interozeptive Sensibilität: Wie nimmt eine Person ihre Körperwahrnehmung subjektiv wahr und wie beschreibt sie diese in Fragebögen?
  • Interozeptives Bewusstsein im engeren Sinn: Wie gut passt die eigene Sicherheit zur tatsächlich gezeigten Genauigkeit?

Die Begriffe werden in der Literatur nicht vollständig einheitlich verwendet. Der tragende Gedanke bleibt jedoch stabil: Eine häufige oder intensive Wahrnehmung, eine messbare Genauigkeit und das Vertrauen in die eigene Einschätzung sind keine Synonyme.

Auch Interozeption scheint keine einzige allgemeine Begabung zu sein. In einer psychophysikalischen Untersuchung aus dem Jahr 2026 stimmten die Leistungen von 241 vergleichbar getesteten Personen bei Herz- und Atemwahrnehmung weitgehend nicht miteinander überein. Wer kardiale Signale präzise unterschied, musste Atemsignale also nicht ebenso präzise erfassen. Eine deutlichere Gemeinsamkeit zeigte sich vor allem beim allgemeinen Vertrauen in die eigenen Antworten.[5]

Bis hierhin reicht für das Grundverständnis

Mehr zu spüren, genauer zu spüren und ein Signal passend einzuordnen sind unterschiedliche Fähigkeiten. Ein lautes Körpersignal kann ungenau gedeutet werden. Ein leises Signal kann dennoch biologisch bedeutsam sein.

Diese Trennung schützt vor zwei Fehlschlüssen: Körperempfindungen sollten weder reflexhaft abgewertet noch automatisch als eindeutige Botschaft verstanden werden.

Wie aus Körpersignalen Gefühle und Handlungsimpulse entstehen

Ein schneller Herzschlag besitzt für sich allein noch keine eindeutige emotionale Bedeutung. Nach einem Sprint passt er zur körperlichen Belastung. Vor einem lange erwarteten Wiedersehen kann er als freudige Aufregung erlebt werden. Tritt er nachts ohne erkennbaren Anlass auf, wirkt dasselbe Signal womöglich beunruhigend.

Das Gehirn verarbeitet daher nicht bloß die Stärke eines Signals. Es verbindet innere Informationen mit dem äußeren Kontext, Erinnerungen, Erwartungen und der gerade verfügbaren Erklärung. Modelle der prädiktiven Interozeption beschreiben diesen Vorgang als fortlaufenden Abgleich zwischen eintreffenden Körpersignalen und den Vorhersagen des Gehirns über den wahrscheinlichen inneren Zustand.[6]

Eine Vorhersage ist dabei kein Wunsch und keine bewusste Affirmation. Gemeint ist eine normale Arbeitsweise des Nervensystems: Das Gehirn nutzt bisherige Erfahrungen, um mehrdeutige Informationen schnell einzuordnen und Regulation vorzubereiten. Neue Signale können diese Erwartung bestätigen oder korrigieren.

Körper und Geist sind keine Einbahnstraße

Gedanken, Erinnerungen und die Bewertung einer Situation können Atmung, Muskelspannung, Herzfrequenz und Stressreaktionen verändern. Umgekehrt können Hunger, Schmerz, Entzündungsaktivität, Schlafmangel oder Atemnot beeinflussen, wie aufmerksam, gereizt, ängstlich oder erschöpft sich ein Mensch erlebt.

Diese Verbindung ist biologisch real. Sie bedeutet jedoch keine beliebige Kontrolle des Körpers durch den Geist. Interozeption erklärt weder, dass Erkrankungen durch eine „falsche innere Haltung“ entstehen, noch dass sich geschädigtes Gewebe allein durch Vorstellungskraft wiederherstellen lässt. Aus einer wechselseitigen Beeinflussung folgt keine unbegrenzte Steuerbarkeit.

Gerade im Gesundheitskontext ist diese Grenze wichtig. Entspannung, Zuversicht oder ein veränderter Umgang mit Empfindungen können Erleben und Regulation beeinflussen. Wenn Heilung ausbleibt, ist das kein Beweis für mangelnden Willen, falsche Gedanken oder unzureichende innere Arbeit.

Interozeption, Angst, ADHS und Autismus

Interozeption wird bei Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Suchterkrankungen, somatischen Belastungen sowie neurologischen Entwicklungsstörungen untersucht. Daraus ist zeitweise die Vorstellung entstanden, eine gestörte Innenwahrnehmung könne ein allgemeiner Mechanismus hinter sehr unterschiedlichen psychischen Beschwerden sein.

Die aktuelle Forschung zeichnet ein vorsichtigeres Bild. Eine 2026 veröffentlichte Querschnittsstudie untersuchte die objektive Herzwahrnehmung bei 456 und die Atemwahrnehmung bei 245 Personen aus der Allgemeinbevölkerung. Die Messwerte für Sensitivität, Präzision und metakognitive Einschätzung waren weitgehend nicht mit den erfassten psychischen Symptomen verbunden. Zusammenhänge fanden sich eher bei Selbstauskünften über Körperwahrnehmung; diese Fragebögen überschnitten sich jedoch teilweise mit Körperbild, Gesundheitsangst und allgemeiner emotionaler Belastung.[7]

Eine Querschnittsstudie in der Allgemeinbevölkerung kann weder akute Veränderungen während einer Erkrankungsphase noch jede klinische Patientengruppe abbilden. Sie widerspricht aber der pauschalen Annahme, eine einzelne objektiv messbare interozeptive Fähigkeit erkläre psychische Beschwerden allgemein.

Das widerlegt nicht, dass Körperempfindungen bei einzelnen Erkrankungen bedeutsam sein können. Es zeigt, wie stark das Ergebnis davon abhängt, was gemessen wird: eine Laborleistung, die Aufmerksamkeit auf Signale, die subjektive Überzeugung über den eigenen Körper oder die Bewertung einer Empfindung.

BereichWas die Forschung derzeit nahelegtWas daraus nicht folgt
AngstEine Metaanalyse von 71 Studien fand Zusammenhänge zwischen Angst und einer stärkeren negativen Aufmerksamkeit, Bewertung oder berichteten Sensibilität für Körpersignale. Für objektive kardiale Genauigkeit ist die Befundlage dagegen nicht entsprechend eindeutig.[8]Stark wahrgenommener Herzschlag beweist weder eine Angststörung noch eine besonders genaue Interozeption.
ADHSEin systematischer Review von 17 Publikationen fand Hinweise auf eine im Mittel geringere interozeptive Genauigkeit bei ADHS oder stärker ausgeprägten ADHS-Merkmalen. Die Studien waren überwiegend klein, methodisch unterschiedlich und von moderater Qualität.[9]Interozeption ist kein Test auf ADHS und erklärt das komplexe Störungsbild nicht allein.
AutismusEin Review mit 31 Studien berichtete insgesamt uneinheitliche Ergebnisse. In der Metaanalyse von fünf vergleichbaren Erwachsenenstudien zeigte sich kein signifikanter Unterschied der kardialen Genauigkeit gegenüber nicht autistischen Kontrollgruppen.[10]Autistische Menschen besitzen nicht pauschal eine „zu schwache“ oder „zu starke“ Innenwahrnehmung.

Interozeptive Unterschiede können ein Teil des individuellen Erlebens sein. Für eine Diagnose reichen sie nicht. Ebenso wenig sollte ein unauffälliger Labortest dazu verwendet werden, belastende Körperempfindungen für unwirklich zu erklären.

Ist Interozeption dasselbe wie Hochsensibilität?

Nein. Hochsensibilität wird in der Forschung meist unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity beschrieben. Gemeint sind individuelle Unterschiede darin, wie empfindlich Menschen auf positive und negative Umweltreize reagieren und wie tief solche Informationen verarbeitet werden. Das Konzept umfasst unter anderem sensorische, emotionale und soziale Reize und gilt nicht als eigenständige medizinische Diagnose.[11]

Interozeption bezeichnet enger die Verarbeitung von Signalen aus dem Körperinneren. Beide Bereiche können sich im persönlichen Erleben überschneiden. Wer Reize intensiv verarbeitet, kann auch innere Veränderungen als besonders durchdringend erleben. Daraus folgt jedoch keine feste Regel, nach der hochsensible Menschen objektiv jeden Körpersignaltyp genauer wahrnehmen.

Das Bild eines weniger stark filternden Nervensystems kann subjektiv sehr treffend wirken. Wissenschaftlich beschreibt es bisher keinen einzelnen, messbaren „Resilienzfilter“. Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, bisherige Erfahrungen, autonome Regulation und die jeweilige körperliche Situation greifen komplexer ineinander.

Welche Rolle spielen Yoga und Meditation?

Yoga und Meditation passen tatsächlich in dieses Thema – allerdings präziser, als es die übliche Rede von einer gestärkten „Mind-Body-Connection“ vermuten lässt.

Bei einer Achtsamkeitsmeditation kann die Aufmerksamkeit bewusst auf Atmung, Herzschlag, Wärme, Druck oder andere Körperempfindungen gerichtet werden. Eine kleine randomisierte Studie mit 40 gesunden Erwachsenen untersuchte ein dreitägiges Achtsamkeitstraining. Danach verbesserten sich mehrere Bereiche der selbst berichteten interozeptiven Sensibilität, nicht jedoch die objektiv gemessene interozeptive Genauigkeit.[12]

Yoga verbindet die Innenwahrnehmung mit Haltung, Bewegung und äußeren Bezugspunkten. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 schloss 33 Interventionsstudien ein. Viele berichteten Verbesserungen der Körperwahrnehmung, die Ergebnisse waren insgesamt jedoch gemischt und beruhten auf unterschiedlichen, häufig subjektiven Messverfahren.[13]

Beide Befunde erzählen dieselbe nüchterne Geschichte: Eine Praxis kann verändern, wie aufmerksam, differenziert oder akzeptierend Menschen mit Körperempfindungen umgehen. Damit ist noch nicht gezeigt, dass sämtliche inneren Signale objektiv genauer erkannt werden oder dass eine Übung eine Erkrankung behandelt.

Wer diese Verbindung praktisch erkunden möchte, findet im Gesundheitsfundament ruhige Einstiege zu Yoga als Verbindung von Bewegung, Atmung und Körperwahrnehmung sowie zur Achtsamkeitsmeditation im Alltag. Beide Wege sind Einladungen zur Erfahrung, keine Leistungsprüfung für besonders „gute“ Interozeption.

Lässt sich Interozeption üben?

Bestimmte Aspekte der Körperwahrnehmung lassen sich durch Aufmerksamkeit und wiederholte Erfahrung verändern. Die Frage „Wie trainiere ich meine Interozeption?“ ist trotzdem zu allgemein. Herzsignale, Atmung, Hunger und Darmempfindungen sind unterschiedliche Bereiche. Zudem kann ein Training die Aufmerksamkeit oder den Umgang mit Signalen verbessern, ohne ihre objektive Erkennung messbar zu verändern.

Für einen alltagstauglichen Einstieg genügt eine kurze, sachliche Beobachtung:

  1. Signal beschreiben: Was ist körperlich wahrnehmbar – beispielsweise Druck, Wärme, Ziehen, schneller Atem oder Leere im Magen?
  2. Deutung offenlassen: „Mein Herz schlägt schneller“ ist zunächst genauer als „Mit meinem Herzen stimmt etwas nicht“ oder „Ich habe Angst“.
  3. Kontext ergänzen: Was geschah unmittelbar davor? Bewegung, eine Mahlzeit, Hitze, ein Konflikt, wenig Schlaf oder langes Sitzen?
  4. Passende Reaktion prüfen: Braucht der Körper Ruhe, Flüssigkeit, Nahrung, Bewegung, die Toilette – oder bei auffälligen Beschwerden medizinische Abklärung?

Das Ziel besteht nicht darin, den Körper den ganzen Tag zu überwachen. Eine ständig nach innen gerichtete Aufmerksamkeit kann gerade bei Gesundheitsangst, Panik oder belastenden Symptomen Unruhe verstärken. Dann kann es sinnvoller sein, körperbezogene Übungen dosiert und gegebenenfalls therapeutisch begleitet einzusetzen.

Ein sinnvoller nächster Schritt

Beobachte ein vertrautes Signal in zwei verschiedenen Situationen: etwa die Atmung im Sitzen und nach einem kurzen Spaziergang. Beschreibe zuerst nur die Veränderung. Die Erklärung folgt danach. So wird aus Körperbeobachtung keine vorschnelle Selbstdiagnose.

Wann eine medizinische Abklärung wichtig ist

Interozeption erklärt, wie ein Körpersignal wahrgenommen und verarbeitet wird. Sie erklärt nicht automatisch, warum es auftritt. Wiederkehrendes Herzrasen kann mit Stress und Aufmerksamkeit zusammenhängen, aber ebenso körperliche Ursachen besitzen. Das Gleiche gilt für Schwindel, Atemnot, Schmerzen, anhaltende Übelkeit, ausgeprägte Erschöpfung oder Veränderungen von Hunger und Sättigung.

Neue, starke, zunehmende oder anhaltende Beschwerden sollten deshalb nicht als bloß „überempfindliches Nervensystem“ eingeordnet werden. Eine ärztliche Abklärung ist auch dann vernünftig, wenn eine Empfindung schwer zu beschreiben ist. Subjektive Wahrnehmung und medizinisch feststellbare Ursache sind zwei verschiedene Fragen.

Bei plötzlich starken Brustschmerzen, akuter Atemnot, Bewusstlosigkeit oder neu auftretenden Lähmungs-, Sprach- oder Sehstörungen zählt schnelle Hilfe. In Deutschland ist bei einem akuten medizinischen Notfall die 112 die richtige Anlaufstelle.

Fazit: Körpersignale sind Informationen, keine Diagnosen

Der Körper meldet sich fortlaufend. Meist reguliert das Nervensystem im Hintergrund, ohne dass daraus ein bewusster Gedanke entsteht. Manchmal erreicht ein Signal die Aufmerksamkeit: als Hunger, Herzklopfen, Atemdrang, Spannung, Wärme, Übelkeit oder schwer benennbares Unwohlsein.

Interozeption beschreibt den Weg von solchen inneren Veränderungen zur Wahrnehmung und Regulation. Sie macht verständlich, weshalb Körper und psychisches Erleben eng verbunden sind. Sie zeigt zugleich, warum diese Verbindung weder simpel noch grenzenlos steuerbar ist.

Der entscheidende Schritt liegt zwischen Wahrnehmen und Wissen. Ein Signal kann echt sein, obwohl seine Ursache noch unklar ist. Eine Empfindung kann intensiv sein, ohne objektiv präzise gedeutet zu werden. Und eine gute Beziehung zum eigenen Körper besteht nicht darin, jede Regung sofort zu verstehen.

Körpersignale sind Daten aus dem Inneren. Bedeutung entsteht erst aus Signal, Kontext und sorgfältiger Einordnung.

FAQ – Häufige Fragen zur Interozeption

Kann man seine Interozeption selbst testen?

Ein Selbsttest liefert keine allgemeine Bewertung der Interozeption. Das bekannte Zählen des eigenen Herzschlags wird unter anderem durch Wissen über die typische Herzfrequenz, Erwartungen und die Messmethode beeinflusst. Außerdem sagt die Wahrnehmung des Herzschlags wenig darüber aus, wie genau jemand Atmung, Hunger oder Darmempfindungen erfasst.[5]

Ist Schmerz ein interozeptives Signal?

Schmerz überschneidet sich mit der Interozeption, wird jedoch nicht immer vollständig darunter eingeordnet. Viszeraler Schmerz aus inneren Organen besitzt einen deutlichen interozeptiven Anteil. Schmerz durch eine Verletzung an Haut oder Bewegungsapparat wird stärker dem somatosensorischen System zugerechnet. Die beteiligten Systeme arbeiten eng zusammen.

Was ist eine Interozeptionsstörung?

Eine einzelne, allgemein anerkannte Diagnose „Interozeptionsstörung“ gibt es nicht. Veränderungen der Innenwahrnehmung werden bei unterschiedlichen psychischen, neurologischen und körperlichen Erkrankungen untersucht. Ob daraus eine klinisch relevante Beeinträchtigung entsteht, hängt vom betroffenen Signalbereich, dem Alltag und der zugrunde liegenden Ursache ab.

Ist das Bauchgefühl eine Form von Interozeption?

Teilweise. Körperempfindungen aus Magen, Darm, Kreislauf oder Muskelspannung können zu einem „Bauchgefühl“ beitragen. Eine intuitive Entscheidung enthält jedoch zusätzlich Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen und unbewusste Bewertungen. Das Bauchgefühl ist daher mehr als ein einzelnes Signal aus dem Verdauungstrakt.

Kann zu viel Aufmerksamkeit auf den Körper schaden?

Ständige Selbstbeobachtung kann Empfindungen in den Vordergrund rücken und bei manchen Menschen Angst oder Anspannung verstärken. Körperwahrnehmung muss daher nicht möglichst intensiv sein. Hilfreicher ist eine flexible Aufmerksamkeit, die innere Signale bemerkt, den äußeren Kontext einbezieht und sich auch wieder anderen Dingen zuwenden kann.

Wissenschaftliche Quellen

Weiterführende Ratgeber auf Gesundheitsfundament

Abgelegt unter: achtsamkeit , emotionen , gehirn-körper-kommunikation , hochsensibilität , interozeption , interozeptive wahrnehmung , körpersignale , körperwahrnehmung , meditation , Nervensystem , propriozeption , selbstregulation , Vagusnerv , Yoga

Über Jann Glasmachers

Mein Name ist Jann Glasmachers, ich bin Inhaber des Gesundheitsfundaments und habe eine abgeschlossene Ausbildung zum Heilpraktiker und holistischen Gesundheits-, Vitalkost- und Lebensberater. Ich blogge mit Leidenschaft, liebe Mikronährstoffe und interessiere mich sehr für die Gesetzmässigkeiten des Lebens und die Geheimnisse der Gesundheit. Nach langjähriger Krankheit habe ich mich auf den Weg gemacht das Puzzle der Gesundheit für mich zusammenzusetzen. Hierbei tun sich jeden Tag neue Erkenntnisse auf. Die Grundformel scheint jedoch universell gültig zu sein. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich in dem Gesundheitsfundament nachlesen.

Verwandte Artikel

Nächster Artikel: Habe ich Endometriose? Symptome richtig einordnen »