Wie das Immunsystem eines Babys seinen Start findet

Neugeborenes im Hautkontakt nach der Geburt als Teil seines immunologischen Starts

Du warst bei Deiner eigenen Geburt die Hauptperson – und weißt wahrscheinlich weniger darüber als alle anderen im Raum. Dabei geschieht in diesen ersten Stunden biologisch Erstaunliches: Ein Baby wechselt von der Versorgung über Plazenta und Nabelschnur in eine Welt, in der Haut, Atemwege und Darm erstmals fortlaufend mit Mikroorganismen, Nahrung und Umweltreizen in Kontakt kommen.

Das Immunsystem beginnt dabei nicht bei null. Es hat sich bereits vor der Geburt entwickelt, arbeitet bei Neugeborenen aber anders als bei Erwachsenen. Mütterliche Antikörper geben zeitlich begrenzten Schutz, während das eigene Immunsystem rasch dazulernt. Geburtsverlauf, Mikroorganismen, Kolostrum, Hautkontakt, Medikamente und die Umgebung begleiten diesen Start – keiner dieser Faktoren schreibt die spätere Gesundheit allein fest.

Dieser Ratgeber erklärt, wie ein Baby von der vorgeburtlichen Immunversorgung in seine neue Umgebung wechselt, was bei vaginaler Geburt und Kaiserschnitt tatsächlich unterschiedlich ist und welche Bedeutung Kolostrum, Nähe und eine mögliche Trennung nach der Geburt haben.

Die kurze Antwort

Ein Neugeborenes besitzt ein funktionsfähiges, altersgerecht reguliertes Immunsystem. Zusätzlich erhält es während der Schwangerschaft mütterliche IgG-Antikörper über die Plazenta. Nach der Geburt beginnt eine schnelle Anpassungsphase: Mikroorganismen besiedeln verschiedene Körperregionen, Schleimhäute kommen mit Nahrung und Umwelt in Kontakt, und das eigene Immunsystem verändert sich in den ersten Wochen deutlich. Geburtsmodus, Antibiotika, Kolostrum und Hautkontakt beeinflussen Teile dieses Prozesses. Sie sind wichtige Rahmenbedingungen, aber kein Urteil über die spätere Gesundheit eines Kindes.

Drei Schutzebenen, die leicht verwechselt werden

Wer nach dem Immunsystem eines Babys sucht, trifft schnell auf den Begriff Nestschutz. Er beschreibt jedoch nur einen Teil des Gesamtbildes. Für das Verständnis helfen drei Ebenen:

  • Das eigene Immunsystem: Angeborene Abwehrmechanismen und Immunzellen sind bei der Geburt vorhanden. Ihre Zusammensetzung und Regulation unterscheiden sich noch von denen eines Erwachsenen.
  • Mütterliche Antikörper: Vor allem IgG-Antikörper gelangen während der Schwangerschaft über die Plazenta in den fetalen Kreislauf. Dieser geliehene Schutz nimmt nach der Geburt allmählich ab.
  • Schutz an den Schleimhäuten: Kolostrum und spätere Muttermilch liefern unter anderem sekretorisches IgA, Lactoferrin und komplexe Zucker. Sie wirken vor allem im Mund-Darm-Raum und beeinflussen die dortige mikrobielle Umgebung.

Ein Baby ist somit weder immunologisch ungeschützt noch bereits vollständig ausgereift. Es startet mit eigenem Abwehrsystem, vorübergehend geliehenen Antikörpern und einer hohen Entwicklungsfähigkeit.

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Ein Baby beginnt immunologisch nicht bei null

Schon vor der Geburt entstehen Immunzellen, Rezeptoren und Botenstoffsysteme. Auch der Fetus kann auf Signale reagieren. Das Immunsystem eines Neugeborenen ist jedoch auf eine besondere Lebensphase eingestellt: Es muss Krankheitserreger abwehren und gleichzeitig lernen, harmlose Nahrung, körpereigene Strukturen und nützliche Mikroorganismen zu tolerieren. Eine möglichst starke Reaktion wäre dafür nicht automatisch die beste Lösung. Entscheidend ist eine passende Regulation.

Zusätzlich transportiert die Plazenta mütterliche IgG-Antikörper aktiv in den kindlichen Kreislauf. Wie viele und welche Antikörper ankommen, hängt unter anderem vom Antikörperspiegel der Mutter, der Art des Antikörpers, der Funktion der Plazenta und der Schwangerschaftsdauer ab.[1] Ein großer Teil dieser Übertragung findet im letzten Schwangerschaftsdrittel statt. Frühgeborene hatten dafür weniger Zeit und benötigen deshalb eine eigene medizinische Risikoeinschätzung.

Der Nestschutz ist außerdem kein pauschaler Schutzschild gegen alle Infektionen. Er wirkt nur gegen Erreger oder Bestandteile, zu denen passende mütterliche Antikörper vorhanden sind. Nach der Geburt werden diese Antikörper schrittweise abgebaut. Parallel reift das adaptive Immunsystem weiter und bildet zunehmend eigene spezifische Immunantworten sowie ein immunologisches Gedächtnis aus.

Mit der Geburt ändert sich die immunologische Umgebung

Übergang von mütterlichen Antikörpern vor der Geburt zu Mikroorganismen, Nahrung und eigener Immunreifung danach

Vor der Geburt ist der Kontakt mit Mikroorganismen stark begrenzt. Die Annahme eines normalen, dauerhaft besiedelten „Plazenta-Mikrobioms“ wird durch große, kontaminationskontrollierte Untersuchungen nicht gestützt.[2] Das bedeutet nicht, dass Schwangerschaft und mütterliche Mikroorganismen für die Entwicklung bedeutungslos wären. Mütterliche Stoffwechselprodukte, Entzündungssignale, Antikörper und Nährstoffe erreichen den Fetus auf unterschiedlichen Wegen. Eine normale Plazenta ist aber kein Darm mit einer stabilen Bakteriengemeinschaft.

Mit der Geburt steigt die mikrobielle Exposition abrupt. Das Baby atmet selbst, schluckt, wird berührt und ernährt. Haut und Schleimhäute werden zu Kontaktflächen zwischen Körper und Umwelt. Dort müssen Barriere, Mikroorganismen und Immunzellen eine neue Form des Zusammenlebens aufbauen.

Diese Anpassung ist messbar. In einer Längsschnittstudie mit 100 Neugeborenen veränderten sich zahlreiche Immunzellpopulationen und Proteine in den ersten Lebenswochen nach einem wiederkehrenden Entwicklungsmuster. Selbst früh und termingeborene Kinder näherten sich im Verlauf an, obwohl ihre Ausgangslagen verschieden waren.[3] Der Start ist also bedeutsam, bleibt aber beweglich.

Woher die ersten Mikroorganismen kommen

Oft wird die Erstbesiedlung so erzählt: Bei einer vaginalen Geburt nimmt das Kind die Vaginalflora der Mutter auf, beim Kaiserschnitt fehlt sie. Diese Gegenüberstellung erfasst nur einen Ausschnitt. Untersuchungen an mehreren Körperregionen zeigen, dass Mikroorganismen aus dem mütterlichen Darm, von Haut, Mund und Milch sowie aus der Umgebung in die frühen Gemeinschaften des Kindes eingehen können.[4]

Dabei muss zwischen Körperregionen unterschieden werden. Bakterien, die kurz nach der Geburt auf der Haut oder im Mund nachweisbar sind, müssen nicht dauerhaft den Darm besiedeln. Für den kindlichen Darm sind mütterliche Darmbakterien eine wichtige Quelle.[4] Eine große Kohortenstudie fand zudem, dass die Zusammensetzung der mütterlichen Vaginalflora die Stuhlflora der Kinder nach zehn Tagen und drei Monaten nicht vorhersagte.[5] Das widerspricht der einfachen Vorstellung, der Darm eines Babys sei hauptsächlich eine Kopie der Vaginalflora.

KontaktwegWas er beitragen kannWas daraus nicht folgt
Geburtskanal und mütterlicher DarmFrüher Kontakt mit mütterlichen Mikroorganismen; bei vaginaler Geburt häufigere Übertragung bestimmter DarmbakterienDass allein die Vaginalflora die spätere Darmflora festlegt
Haut und Mund der BezugspersonenMikroorganismen für Haut, Mund und weitere KontaktflächenDass jeder frühe Keim dauerhaft bleibt oder krank macht
Kolostrum und MuttermilchBioaktive Stoffe, komplexe Zucker und auch MikroorganismenDass sich die Wirkung auf ein einzelnes „gutes“ Bakterium reduzieren lässt
Klinik, Zuhause und PflegeWeitere Umweltmikroorganismen; Zusammensetzung abhängig von Kontakten und UmgebungDass Mikroorganismen aus der Umgebung grundsätzlich schädlich sind

Vaginale Geburt und Kaiserschnitt: ein anderer Start, kein fertiges Urteil

Der Geburtsmodus beeinflusst die frühe mikrobielle Besiedlung. In einer britischen Studie mit 596 termingeborenen Babys wurden nach Kaiserschnitt seltener bestimmte mütterliche Bacteroides-Stämme und häufiger opportunistische, mit der Krankenhausumgebung verbundene Bakterien gefunden.[6] Andere Studien zeigen ebenfalls Unterschiede in den ersten Tagen und Wochen. Wie lange sie bei einem einzelnen Kind bestehen bleiben und welche gesundheitliche Bedeutung sie haben, ist deutlich schwerer zu beantworten.

Ein Kaiserschnitt ist zudem kein einheitlicher Einfluss. Es macht biologisch einen Unterschied, ob vor dem Eingriff Wehen eingesetzt haben, die Fruchtblase geöffnet war, Antibiotika gegeben wurden oder eine Schwangerschaftskomplikation bestand. Auch Schwangerschaftsdauer, Ernährung und die Umgebung nach der Geburt wirken mit. Studien können diese Faktoren nur teilweise voneinander trennen.

Beobachtungsstudien finden bei Kindern nach Kaiserschnitt im Durchschnitt etwas häufiger allergische Erkrankungen wie Asthma, allergische Rhinitis, Ekzeme oder Nahrungsmittelallergien.[7] Bei Autoimmunerkrankungen und chronisch-entzündlichen Erkrankungen ist das Bild uneinheitlicher: Einzelne große Registerstudien berichten Zusammenhänge, andere finden keinen allgemeinen Anstieg. Eine Metaanalyse fand beispielsweise keinen Zusammenhang mit Zöliakie.[8,9]

Solche Daten zeigen eine statistische Assoziation, keine festgelegte Ursache-Wirkungs-Kette. Der Kaiserschnitt selbst, die medizinische Indikation, Antibiotika, genetische Risiken und weitere Einflüsse liegen oft eng beieinander. Für das einzelne Kind lässt sich daraus weder eine spätere Erkrankung vorhersagen noch eine bestehende Erkrankung rückwirkend auf die Geburt zurückführen.

Was ist mit Vaginal Seeding?

Beim Vaginal Seeding wird ein nach Kaiserschnitt geborenes Baby mit Vaginalsekret der Mutter in Kontakt gebracht. Die Idee soll die bei vaginaler Geburt fehlende Exposition nachbilden. Bisher ist jedoch nicht belegt, dass dieses Vorgehen das Risiko für Allergien, Asthma oder andere Erkrankungen senkt. Gleichzeitig können unerkannte Erreger wie Gruppe-B-Streptokokken oder Herpesviren übertragen werden. Die American Academy of Pediatrics rät deshalb von einer Anwendung außerhalb kontrollierter Studien ab.[10]

Die faire Einordnung des Kaiserschnitts

Ein Kaiserschnitt kann den frühen mikrobiellen und physiologischen Start verändern. Diese Unterschiede dürfen wissenschaftlich benannt werden. Zugleich ist ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt eine Schutzmaßnahme für Mutter und Kind. Aus einem veränderten Start folgt kein „misslungenes Immunsystem“ – und aus einer vaginalen Geburt keine Garantie für spätere Gesundheit.

Kolostrum: Schutz an Schleimhäuten und Nahrung für Mikroorganismen

Kolostrum mit Antikörpern, Lactoferrin und Oligosacchariden für Schleimhautschutz und Mikrobiom des Babys

Kolostrum ist die erste Milch der Brust. Es wird in kleinen Mengen gebildet, die zum kleinen Magen eines Neugeborenen passen, und enthält eine hohe Dichte bioaktiver Bestandteile. Dazu gehören sekretorisches IgA, Lactoferrin, verschiedene Immunfaktoren und humane Milch-Oligosaccharide, kurz HMOs.[11]

Diese Bestandteile erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Sekretorisches IgA kann an Schleimhäuten Erreger und andere Strukturen binden, ohne dafür eine starke Entzündungsreaktion auslösen zu müssen. Lactoferrin bindet Eisen und besitzt weitere antimikrobielle Eigenschaften. HMOs sind komplexe Zucker, die das Baby selbst größtenteils nicht verdaut. Sie gelangen in den Dickdarm und dienen dort bestimmten Mikroorganismen als Nahrung. Einige können außerdem die Anheftung von Erregern beeinflussen.

Damit ergänzt Kolostrum den vorgeburtlichen Nestschutz, ersetzt ihn aber nicht. IgG aus der Plazenta zirkuliert im Blut des Kindes; sekretorisches IgA aus der Milch wirkt überwiegend an den Schleimhäuten. Kolostrum liefert damit ein breites Paket aus Nahrung und vorübergehend wirksamen Schutzfaktoren.

Wenn Stillen nicht möglich ist, verzögert beginnt oder nicht gewünscht wird, bedeutet das keinen Zusammenbruch der Immunentwicklung. Säuglingsnahrung muss das Kind sicher mit Energie und Nährstoffen versorgen; sie bildet die lebende und individuell variable Zusammensetzung menschlicher Milch jedoch nicht vollständig nach. Bei Stillwunsch können Hebammen, Still- und Laktationsberatung sowie das medizinische Team helfen – besonders nach Kaiserschnitt, Frühgeburt oder vorübergehender Trennung.

Hautkontakt und Rooming-in: Was Nähe biologisch unterstützt

Bei einem gesunden, stabilen Neugeborenen unterstützt früher und möglichst ununterbrochener Hautkontakt die Anpassung außerhalb der Gebärmutter. Ein aktueller Cochrane-Review kommt zu dem Ergebnis, dass Hautkontakt wahrscheinlich die Temperatur- und Blutzuckerregulation verbessert und die Wahrscheinlichkeit für ausschließliches Stillen erhöht. Für Atmung und Herzfrequenz sind positive Effekte möglich, die Evidenz ist dort weniger sicher.[12]

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb, unmittelbaren Hautkontakt zu ermöglichen und beim frühen Stillbeginn zu unterstützen. Sie empfiehlt außerdem Rooming-in, also das gemeinsame Unterbringen von Mutter und Kind rund um die Uhr, sofern der Gesundheitszustand dies zulässt.[13] Das erleichtert es, Hunger-, Nähe- und Stresssignale zu erkennen und darauf zu reagieren.

Für die langfristige Immunprägung sind die Aussagen enger. Hautkontakt ist physiologisch und für den Stillbeginn gut begründet; dass eine einzelne Stunde Hautkontakt spätere Allergien oder Autoimmunerkrankungen verhindert, ist nicht belegt. Auch Rooming-in ist keine Immuntherapie. Es schafft günstige Bedingungen für Nähe, responsives Füttern und gemeinsame Anpassung.

Wenn die ersten Stunden anders verlaufen

Nicht jedes Baby kann unmittelbar nach der Geburt auf der Brust bleiben. Manche Kinder brauchen Atemunterstützung, Wärme, Diagnostik, Antibiotika oder eine Versorgung auf der Neugeborenenstation. Auch die Mutter kann so dringend behandelt werden müssen, dass eine Trennung unvermeidbar ist. In solchen Situationen hat die medizinische Stabilisierung Vorrang.

Das ist biologisch ein anderer Start, aber kein verpasstes Zeitfenster, nach dem nichts mehr nachgeholt werden kann. Das Immunsystem und das Mikrobiom entwickeln sich über Wochen, Monate und Jahre weiter. Wenn es medizinisch möglich wird, können Hautkontakt, Nähe, Berührung, Stimme und Fütterungsunterstützung beginnen. Bei kleinen oder frühgeborenen Babys empfiehlt die WHO Känguru-Pflege mit Hautkontakt zu einer geeigneten Bezugsperson, sobald und solange das Behandlungsteam sie sicher umsetzen kann.[14]

Antibiotika können die frühe Darmflora verändern. Bei begründetem Verdacht auf eine bakterielle Infektion können sie zugleich lebensrettend sein. Die sinnvolle Frage lautet daher nicht „Antibiotika ja oder nein?“, sondern: Welche medizinischen Hinweise liegen vor, welche Proben wurden genommen und wann wird erneut geprüft, ob die Behandlung noch notwendig ist?

Wer später die eigene Geburtsgeschichte rekonstruiert, darf darin ein mögliches Puzzleteil sehen. Aus Inkubator, Kaiserschnitt, Antibiotika oder fehlendem Kolostrum lässt sich Jahrzehnte danach jedoch keine bestimmte Erkrankung diagnostisch erklären. Dafür sind Immunentwicklung und Krankheitsentstehung zu vielschichtig.

Wie dauerhaft prägt der frühe Start die Gesundheit?

In der Forschung wird für die ersten Lebensmonate häufig der Begriff „Entwicklungsfenster“ verwendet. Gemeint ist eine Phase hoher Veränderungsfähigkeit. Mikroorganismen, Ernährung, Infektionen, Medikamente und Umweltreize treffen auf ein Immunsystem, das seine Reaktionen noch stark umbaut. Das macht diese Phase biologisch bedeutsam.

Ein Entwicklungsfenster ist aber kein einziger Schalter. Die frühe Darmflora ist zunächst dynamisch und kann sich schnell verändern. Auch Kontaktwege können sich teilweise ergänzen: Eine Studie an 120 Mutter-Kind-Paaren fand nach Kaiserschnitt weniger Übertragung mütterlicher Darmbakterien, zugleich aber eine stärkere Zuordnung von Mikroorganismen aus der Muttermilch. Die Autoren interpretierten dies als Hinweis auf kompensierende Übertragungswege.[4]

Aus diesem Grund sind zwei scheinbar gegensätzliche Aussagen gleichzeitig richtig:

  • Geburt, Ernährung, Medikamente und frühe Kontakte können messbare biologische Unterschiede hinterlassen.
  • Keiner dieser Einflüsse bestimmt für sich, ob ein Kind später eine Allergie, Autoimmunerkrankung oder chronische Entzündung entwickelt.

Gene, Schwangerschaft, Infektionen, Ernährung, Wohnumgebung, Schadstoffe, Stress und Zufall wirken im weiteren Leben hinzu. Gute Wissenschaft nimmt den frühen Start ernst, ohne aus Wahrscheinlichkeiten eine persönliche Schuldgeschichte zu machen.

Was werdende Eltern vor der Geburt ansprechen können

Viele Abläufe lassen sich nicht planen. Trotzdem hilft es, die Bedingungen der gewählten Geburtsklinik, des Geburtshauses oder der betreuenden Praxis vorher zu kennen. Sinnvolle Fragen sind:

  • Wird bei einem stabilen Baby unmittelbarer und ununterbrochener Hautkontakt ermöglicht – auch nach einem Kaiserschnitt?
  • Welche Routineuntersuchungen können auf der Brust oder nach dem ersten Kennenlernen stattfinden?
  • Wie wird ein früher Stillbeginn unterstützt, und gibt es Hilfe beim Gewinnen von Kolostrum, falls Mutter und Kind vorübergehend getrennt sind?
  • Ist Rooming-in rund um die Uhr vorgesehen, und welche Unterstützung gibt es nach einer anstrengenden Geburt oder Operation?
  • Kann bei notwendiger Trennung eine zweite Bezugsperson das Baby begleiten oder später Hautkontakt anbieten?
  • Wie entscheidet das Team über Antibiotika beim Neugeborenen, und wann wird die Indikation erneut bewertet?

Diese Fragen sind kein Anspruch auf einen kontrollierbaren Geburtsverlauf. Sie machen sichtbar, welche Wünsche bei stabiler medizinischer Lage berücksichtigt werden sollen und was geschieht, wenn die Sicherheit von Mutter oder Kind andere Prioritäten setzt.

Bei einem Neugeborenen gehören Trinkschwäche, auffällige Schläfrigkeit, Atemprobleme, eine bläuliche oder sehr blasse Hautfarbe sowie Fieber oder Untertemperatur umgehend in fachliche Hände. In dieser Altersgruppe sollte nicht abgewartet oder mit Selbstmaßnahmen experimentiert werden.

Was möchtest Du jetzt tun?

Der passende nächste Schritt hängt davon ab, warum Du hier bist:

  • Du erwartest ein Kind? Nimm zwei oder drei der Fragen aus dem vorherigen Abschnitt mit in das Gespräch mit Hebamme, Geburtsklinik oder ärztlichem Team.
  • Du möchtest die mikrobielle Seite vertiefen? Lies weiter in unserem Grundlagenartikel Das Mikrobiom verstehen.
  • Du willst verstehen, wo Mikroorganismen und Immunzellen aufeinandertreffen? Unser Ratgeber Die Darmbarriere erklärt die Schutzschichten zwischen Darminhalt und Körper.
  • Du fragst Dich, ob Deine eigene Geburt eine heutige Erkrankung erklärt? Sammle Geburtsbericht und Familieninformationen als Kontext, aber trenne diese Spur von einer medizinischen Diagnose. Ein Zusammenhang lässt sich im Einzelfall meist weder beweisen noch ausschließen.

FAQ – Häufige Fragen zum Immunsystem eines Babys

Ist das Immunsystem eines Babys bei der Geburt schwach?

Es ist altersgerecht anders reguliert, nicht einfach eine schwache Ausgabe des erwachsenen Immunsystems. Angeborene Abwehr und Immunzellen sind vorhanden. Gleichzeitig reifen viele Reaktionen weiter, und mütterliche IgG-Antikörper überbrücken einen Teil dieser Phase.

Wie lange hält der Nestschutz bei einem Baby?

Das lässt sich nicht mit einer einzigen Zeitangabe beantworten. Mütterliche IgG-Antikörper werden nach der Geburt nach und nach abgebaut; je nach Antikörper kann der Schutz unterschiedlich lange anhalten. Außerdem besteht Nestschutz nur dort, wo passende mütterliche Antikörper vorhanden sind. Währenddessen entwickelt das Kind zunehmend eigene spezifische Immunantworten.

Wirkt sich eine vaginale Geburt auf das Immunsystem aus?

Ja, der Geburtsmodus beeinflusst frühe mikrobielle und physiologische Kontakte. Nach vaginaler Geburt werden bestimmte mütterliche Darmbakterien häufiger übertragen. Daraus folgt jedoch weder ein garantiert gesünderes Immunsystem noch die Aussage, die Vaginalflora allein baue den kindlichen Darm auf.

Schadet ein Kaiserschnitt dem Immunsystem des Kindes?

Nach Kaiserschnitt lassen sich im Durchschnitt Unterschiede in der frühen Darmflora und statistische Zusammenhänge mit einigen allergischen Erkrankungen beobachten. Das ist kein Beweis für einen individuellen Schaden und keine Vorhersage für ein bestimmtes Kind. Medizinische Indikation, Wehen, Antibiotika, Schwangerschaftsdauer und Ernährung wirken ebenfalls mit. Ein notwendiger Kaiserschnitt kann für Mutter und Kind lebensrettend sein.

Was passiert, wenn das Baby nicht sofort bei der Mutter bleiben kann?

Dann hat die medizinische Versorgung Vorrang. Nähe und Hautkontakt können beginnen, sobald es sicher möglich ist; je nach Situation auch mit einer anderen engen Bezugsperson. Immun- und Mikrobiomentwicklung laufen über lange Zeit weiter. Eine notwendige Trennung in den ersten Stunden entscheidet nicht allein über die spätere Gesundheit.

Warum ist Kolostrum für das Immunsystem interessant?

Kolostrum enthält unter anderem sekretorisches IgA, Lactoferrin und humane Milch-Oligosaccharide. Diese Stoffe unterstützen den Schutz an Schleimhäuten und beeinflussen, welche Mikroorganismen im Darm gute Wachstumsbedingungen finden. Kolostrum ist deshalb biologisch besonders. Kein einzelner Faktor entscheidet jedoch über eine gelingende Immunentwicklung.

Ist Vaginal Seeding nach einem Kaiserschnitt sinnvoll?

Ein gesundheitlicher Nutzen ist bisher nicht belegt. Gleichzeitig können unerkannte Krankheitserreger aus dem Vaginalsekret auf das Neugeborene übertragen werden. Fachgesellschaften empfehlen das Verfahren deshalb nicht außerhalb kontrollierter Studien.

Wissenschaftliche Quellen

  • [1] Palmeira P et al.: IgG Placental Transfer in Healthy and Pathological Pregnancies. Clin Dev Immunol. 2012;2012:985646. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22235228/
  • [2] de Goffau MC et al.: Human placenta has no microbiome but can contain potential pathogens. Nature. 2019;572:329–334. https://doi.org/10.1038/s41586-019-1451-5
  • [3] Olin A et al.: Stereotypic Immune System Development in Newborn Children. Cell. 2018;174(5):1277–1292.e14. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30142345/
  • [4] Bogaert D et al.: Mother-to-infant microbiota transmission and infant microbiota development across multiple body sites. Cell Host Microbe. 2023;31(3):447–460.e6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36893737/
  • [5] Dos Santos SJ et al.: Maternal vaginal microbiome composition does not affect development of the infant gut microbiome in early life. Front Cell Infect Microbiol. 2023;13:1144254. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10097898/
  • [6] Shao Y et al.: Stunted microbiota and opportunistic pathogen colonization in caesarean-section birth. Nature. 2019;574:117–121. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31534227/
  • [7] Liu X et al.: Risk of Asthma and Allergies in Children Delivered by Cesarean Section: A Comprehensive Systematic Review. J Allergy Clin Immunol Pract. 2024;12(10):2764–2773. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38908434/
  • [8] Soullane S et al.: Cesarean delivery and risk of hospitalization for autoimmune disorders before 14 years of age. Eur J Pediatr. 2021;180(11):3359–3366. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34041591/
  • [9] Yang XY et al.: Cesarean section is not associated with increased risk of celiac disease in the offspring: a meta-analysis. J Matern Fetal Neonatal Med. 2022;35(25):9570–9577. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35264064/
  • [10] Nolt D et al.: Risks of Infectious Diseases in Newborns Exposed to Alternative Perinatal Practices. Pediatrics. 2022;149(2):e2021055554. https://doi.org/10.1542/peds.2021-055554
  • [11] Carr LE et al.: Role of Human Milk Bioactives on Infants’ Gut and Immune Health. Front Immunol. 2021;12:604080. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33643310/
  • [12] Moore ER et al.: Immediate or early skin-to-skin contact for mothers and their healthy newborn infants. Cochrane Database Syst Rev. 2025;10:CD003519. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003519.pub5
  • [13] World Health Organization: Ten Steps to Successful Breastfeeding. https://www.who.int/teams/nutrition-and-food-safety/food-and-nutrition-actions-in-health-systems/ten-steps-to-successful-breastfeeding
  • [14] World Health Organization: WHO advises immediate skin-to-skin care for survival of small and preterm babies. https://www.who.int/news/item/15-11-2022-who-advises-immediate-skin-to-skin-care-for-survival-of-small-and-preterm-babies

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Über Jann Glasmachers

Mein Name ist Jann Glasmachers, ich bin Inhaber des Gesundheitsfundaments und habe eine abgeschlossene Ausbildung zum Heilpraktiker und holistischen Gesundheits-, Vitalkost- und Lebensberater. Ich blogge mit Leidenschaft, liebe Mikronährstoffe und interessiere mich sehr für die Gesetzmässigkeiten des Lebens und die Geheimnisse der Gesundheit. Nach langjähriger Krankheit habe ich mich auf den Weg gemacht das Puzzle der Gesundheit für mich zusammenzusetzen. Hierbei tun sich jeden Tag neue Erkenntnisse auf. Die Grundformel scheint jedoch universell gültig zu sein. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich in dem Gesundheitsfundament nachlesen.

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